“Du sollst den Namen des HERRN, deines Gottes, nicht missbrauchen.” (Exodus 20,7)
Es gibt Worte, die man nicht leichtfertig ausspricht. Namen, die Gewicht haben, die Geschichte tragen, die Bedeutung in sich bergen. Der Name eines Menschen ist mehr als ein Etikett. Er ist verbunden mit seiner Identität, seiner Würde, seiner Geschichte. Wenn wir den Namen eines Menschen in den Schmutz ziehen, verletzen wir nicht nur seine Ehre, wir verletzen ihn selbst. Das dritte Gebot spricht von einem Namen, der alle anderen Namen übersteigt: “Du sollst den Namen des HERRN, deines Gottes, nicht missbrauchen; denn der HERR wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht” (2. Mose 20,7). Es ist ein Gebot, das uns in eine Haltung der Ehrfurcht ruft, nicht aus Angst, sondern aus der Erkenntnis, dass hier etwas Heiliges berührt wird, etwas, das nicht verfügbar ist für unsere Zwecke.
In der antiken Welt war der Name nicht einfach eine Bezeichnung. Der Name war Ausdruck des Wesens. Wer den Namen kannte, hatte Zugang zur Person. Wer den Namen aussprechen konnte, hatte eine Form von Beziehung. Deshalb war die Offenbarung des Namens Gottes am brennenden Dornbusch ein so bedeutsamer Moment. Mose fragte nach dem Namen dessen, der ihn sandte, und Gott antwortete: “Ich werde sein, der ich sein werde” (2. Mose 3,14). Dann sagte er: “So sollst du zu den Israeliten sagen: Der HERR, der Gott eurer Väter, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks, der Gott Jakobs, hat mich zu euch gesandt. Das ist mein Name für immer, mit dem man mich anrufen soll von Geschlecht zu Geschlecht” (2. Mose 3,15). Der Name JHWH, der heilige Name, wurde Israel gegeben als Zeichen der Beziehung, als Ausdruck der Nähe Gottes, als Möglichkeit, ihn anzurufen.
Aber mit dieser Gabe kam auch eine Verantwortung. Der Name durfte nicht leichtfertig verwendet werden. Er durfte nicht für eigene Zwecke instrumentalisiert werden. Er durfte nicht in einer Weise ausgesprochen werden, die seine Heiligkeit verleugnete. Das dritte Gebot schützt diese Heiligkeit. Es sagt: Dieser Name ist kostbar. Behandle ihn mit Ehrfurcht. Missbrauche ihn nicht.
Aber gerade darin liegt unsere Zerbrechlichkeit offen zutage. Das Gegenteil ist oft der Fall: Wie häufig missbrauchen wir den Namen Gottes für unsere eigenen Zwecke – für politische Agenden, für religiöse Machtspiele, für moralische Selbstüberhöhung. Wir instrumentalisieren ihn, um unsere Positionen zu stützen, unsere Gruppen zu stärken, unsere Überzeugungen zu adeln. Und niemand ist davor immun. Nicht einmal die Frommen, nicht einmal die Strengsten, nicht einmal jene, die sich „bibeltreu“ nennen. Der Missbrauch des Namens Gottes ist kein Randphänomen der Gottlosen, sondern eine Versuchung mitten im Volk Gottes. Gerade deshalb ruft uns das dritte Gebot zur Umkehr, zur Demut und zur heiligen Scheu vor dem Namen, der uns nicht gehört.
Was bedeutet es, den Namen Gottes zu missbrauchen? Die erste und offensichtlichste Form ist der Meineid, das falsche Schwören. In der antiken Rechtspraxis war der Eid eine heilige Handlung. Man rief Gott als Zeugen an für die Wahrheit der eigenen Aussage. “So wahr der HERR lebt” war eine gängige Formel. Wer beim Namen Gottes schwor und dann log, missbrauchte diesen Namen. Er machte Gott zum Komplizen seiner Lüge. Er zog die Heiligkeit Gottes hinein in seine eigene Unredlichkeit. Jesus hat später gesagt: “Ich aber sage euch, dass ihr überhaupt nicht schwören sollt, weder bei dem Himmel, denn er ist Gottes Thron, noch bei der Erde, denn sie ist der Schemel seiner Füße” (Matthäus 5,34–35). Er radikalisierte das Gebot, indem er sagte: Eure Wahrhaftigkeit soll so selbstverständlich sein, dass ihr keine Eide braucht. “Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Bösen” (Matthäus 5,37).
Aber der Missbrauch des Namens Gottes geht tiefer als falsches Schwören. Er geschieht überall dort, wo der Name Gottes verwendet wird, um eigene Interessen zu legitimieren, um Macht auszuüben, um andere zu manipulieren. Die Geschichte ist voll von Beispielen, wo Menschen im Namen Gottes Kriege führten, die nichts mit Gottes Willen zu tun hatten. Wo sie im Namen Gottes unterdrückten, ausbeuteten, verurteilten. Wo sie Gottes Namen als Waffe einsetzten gegen Schwache, gegen Andersdenkende, gegen Abweichler. Das ist Missbrauch in seiner schlimmsten Form. Es ist nicht nur eine Verletzung des dritten Gebots, es ist eine Gotteslästerung, weil es Gott zum Urheber von Ungerechtigkeit macht, ihn zum Verbündeten des Bösen erklärt.
Kommt uns das nicht erschreckend bekannt vor – heute? Wir erleben doch, wie sich auch in unserer Gegenwart Menschen auf Gott berufen, um Gewalt zu rechtfertigen, um nationale Interessen zu verklären, um Kriege als „heilig“ zu bemänteln. In öffentlichen Reden, in religiösen Parolen, in politischen Botschaften wird Gottes Name benutzt, als gehöre er ihnen. Und zugleich hören wir im Alltag die achtlose Floskel: „Ich schwöre bei Gott, Bro“ – ein beiläufiger, gedankenloser Gebrauch des Heiligsten, der zeigt, wie sehr der Name Gottes im Sprachgebrauch verflacht ist. Beides – die große politische Instrumentalisierung und die kleine alltägliche Gedankenlosigkeit – entspringt derselben Wurzel: dem Verlust der Ehrfurcht. Dem Vergessen, dass dieser Name uns nicht zur Verfügung steht.
Ist uns überhaupt bewusst, dass all das eine Form von Gotteslästerung ist? Dass wir, wenn wir Gottes Namen für unsere Zwecke missbrauchen, ihn in den Dienst unserer eigenen Interessen stellen und damit seine Heiligkeit verdunkeln? Und warum schweigen so viele Christen darüber? Vielleicht, weil wir spüren, dass wir selbst nicht frei davon sind. Vielleicht, weil es leichter ist, über die Sünden der Welt zu klagen, als die eigenen religiösen Muster zu hinterfragen. Vielleicht auch, weil wir Angst haben, anzuecken, wenn wir Gottes Namen gegen seine Instrumentalisierung verteidigen. Doch gerade dieses Schweigen macht den Missbrauch erst möglich. Wo die Ehrfurcht verstummt, wird der heilige Name zur Floskel, zur Parole, zum Werkzeug menschlicher Macht.
Die Propheten haben diese Form des Missbrauchs immer wieder angeprangert. Jeremia schrie gegen die falschen Propheten, die im Namen Gottes sprachen, was Gott nicht gesagt hatte: “Aber der HERR sprach zu mir: Diese Propheten weissagen Lüge in meinem Namen; ich habe sie nicht gesandt und ihnen nichts befohlen und nicht zu ihnen geredet. Sie predigen euch falsche Offenbarungen, nichtige Wahrsagung und ihres Herzens Trug” (Jeremia 14,14). Diese Menschen benutzten den Namen Gottes, um ihrer eigenen Botschaft Autorität zu verleihen. Sie machten sich zu Sprechern Gottes, ohne von ihm berufen zu sein. Das ist Missbrauch. Das ist Anmaßung. Das ist Sünde.
Auch heute geschieht das. Wenn Prediger im Namen Gottes Wohlstand versprechen und damit die Hoffnungen verzweifelter Menschen ausbeuten. Wenn Politiker Gottes Segen für ihre Agenda beanspruchen, ohne zu fragen, ob ihre Politik wirklich den Willen Gottes widerspiegelt. Wenn religiöse Führer den Namen Gottes benutzen, um Kontrolle auszuüben, um Gehorsam zu erzwingen, um Kritik zum Schweigen zu bringen. Wenn Menschen in den sozialen Medien im Namen Gottes richten, verurteilen, ausgrenzen, ohne die Liebe und Barmherzigkeit zu zeigen, die Gottes Wesen ausmachen. All das ist Missbrauch des Namens Gottes. Es macht Gott klein, es verzerrt sein Wesen, es führt andere in die Irre.
Aber es gibt auch subtilere Formen des Missbrauchs. Wenn wir Gott als Lückenbüßer benutzen für unsere eigenen Unzulänglichkeiten. Wenn wir sagen “Gott hat mir das aufs Herz gelegt”, obwohl es in Wahrheit nur unser eigener Wunsch ist. Wenn wir “Gott segne dich” sagen als religiöse Floskel, ohne dass unser Herz dabei ist. Wenn wir Gottes Namen in unsere Gebete streuen, um sie frommer klingen zu lassen, ohne wirklich mit ihm zu reden. Wenn wir “im Namen Jesu” beten, als wäre das eine magische Formel, die unseren Gebeten Wirksamkeit verleiht, statt Ausdruck unserer Beziehung zu ihm. All das kann Missbrauch sein, wenn es gedankenlos geschieht, wenn es zur Routine wird, wenn es keine innere Wahrhaftigkeit mehr hat.
Und gerade die subtileren Formen des Missbrauchs bleiben vielen Christen – vielleicht besonders jenen, die sich „bibeltreu“ oder „evangelikal“ nennen – oft unbewusst. Denn wer sich selbst auf der Seite der Wahrheit wähnt, merkt nicht, wie schnell er im Namen Gottes richtet, verurteilt, abgrenzt. In den sozialen Medien geschieht das täglich: Da wird im Namen Gottes geurteilt, moralisiert, angeklagt, als hätte man selbst einen direkten Auftrag des Himmels. Man meint, im Recht zu sein, weil man sich auf Gott beruft – und merkt nicht, dass genau das der Kern des Missbrauchs ist. Wo Gottes Name zur Waffe in Debatten wird, wo er benutzt wird, um andere kleinzumachen oder zu überführen, dort ist nicht Gottes Geist am Werk, sondern menschlicher Eifer, religiös verkleidet. Und gerade deshalb ist es so gefährlich: weil es fromm aussieht, aber den heiligen Namen in den Dienst unserer eigenen Empfindungen stellt
Das dritte Gebot fordert von uns eine tiefe Ehrlichkeit. Meinst du das wirklich, was du sagst, wenn du den Namen Gottes gebrauchst? Bist du dir seiner Bedeutung bewusst? Oder ist es nur eine Gewohnheit, eine Floskel, ein religiöses Dekor? Die jüdische Tradition hat dieses Gebot so ernst genommen, dass sie den Namen JHWH überhaupt nicht mehr aussprach. Sie ersetzte ihn durch “Adonai” oder “Herr”, aus Furcht, den heiligen Namen zu entweihen. Das mag uns übertrieben erscheinen, aber es zeigt ein Bewusstsein für die Heiligkeit, das uns oft fehlt. Wir sprechen so leichtfertig von Gott, so selbstverständlich, so beiläufig. Wir haben die Ehrfurcht verloren.
Dann gibt es auch jene, die Gott mit Kosenamen wie „Papi“ oder „Vati“ anreden – oft aus dem Wunsch heraus, Nähe und Vertrauen auszudrücken. Doch so verständlich dieses Bedürfnis ist, so schnell kann es die Heiligkeit Gottes verdunkeln. Denn Gott ist nicht eine Verlängerung unserer familiären Erfahrungen, nicht ein himmlischer Ersatzvater, den wir nach unserem Gefühl formen. Wo wir ihn auf eine menschliche Ebene herabziehen, verlieren wir das Staunen, die Ehrfurcht, die heilige Scheu. Nähe ohne Heiligkeit wird sentimental; Heiligkeit ohne Nähe wird kalt. Das dritte Gebot ruft uns dazu, beides zusammenzuhalten: Gott ist uns Vater – aber er bleibt der Heilige. Und sein Name ist kein Spielraum für unsere Projektionen.
Die Ehrfurcht ist nicht Angst. Sie ist nicht das Zittern vor einem tyrannischen Herrscher. Sie ist die Haltung des Geschöpfs vor dem Schöpfer, die Haltung des Beschenkten vor dem Geber, die Haltung des Geliebten vor dem Liebenden. Es ist die Haltung, die weiß: Hier stehe ich auf heiligem Boden. Hier bin ich nicht Herr, sondern Gast. Hier darf ich sein, aber nicht, weil ich ein Recht darauf habe, sondern weil ich eingeladen bin. Diese Ehrfurcht verändert unseren Umgang mit Gottes Namen. Sie lässt uns innehalten, bevor wir ihn aussprechen. Sie lässt uns nachdenken, bevor wir behaupten, in seinem Namen zu sprechen. Sie lässt uns demütig werden. Jesus hat uns gezeigt, wie man den Namen des Vaters heiligt. Im Vaterunser ist das die erste Bitte: “Geheiligt werde dein Name” (Matthäus 6,9). Nicht: Wir heiligen deinen Namen. Sondern: Dein Name werde geheiligt. Es ist eine Bitte, dass Gott selbst dafür sorgt, dass sein Name in der Welt als heilig erkannt wird, dass seine Herrlichkeit sichtbar wird, dass seine Wahrheit ans Licht kommt. Aber es ist auch eine Selbstverpflichtung. Wer so betet, sagt: Ich will dazu beitragen, dass dein Name geheiligt wird. Ich will so leben, dass mein Leben deine Herrlichkeit widerspiegelt, nicht verdunkelt. Ich will so reden, dass meine Worte deine Wahrheit bezeugen, nicht verdrehen.
Jesus selbst hat den Namen des Vaters geheiligt durch sein ganzes Leben. Er hat nicht nur über Gott geredet, er hat Gott sichtbar gemacht. “Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast” (Johannes 17,6). Das bedeutete nicht, dass er den Namen JHWH aussprach, sondern dass er das Wesen Gottes offenbarte. Er zeigte, wer Gott ist: barmherzig, gerecht, heilig, liebevoll. Er zeigte, was Gott will: dass Menschen heil werden, dass Beziehungen wiederhergestellt werden, dass das Reich Gottes kommt. Er zeigte, wie Gott handelt: indem er sich hingibt, indem er dient, indem er liebt bis zum Äußersten. Das ist die wahre Heiligung des Namens Gottes.
Am Kreuz hat Jesus den Namen Gottes auf die radikalste Weise geheiligt. Er hätte Gottes Namen missbrauchen können, indem er zwölf Legionen Engel herabrief, wie er sagte (Matthäus 26,53). Er hätte Gottes Macht demonstrieren können, um sich selbst zu retten. Aber er tat es nicht. Er blieb am Kreuz. Er erduldete den Spott, die Schande, den Tod. Und gerade darin wurde Gottes Name geheiligt, weil hier seine Liebe offenbar wurde, seine Treue, seine Gerechtigkeit. “Damit alle den Sohn ehren, wie sie den Vater ehren. Wer den Sohn nicht ehrt, der ehrt den Vater nicht, der ihn gesandt hat” (Johannes 5,23). Jesus ist der Name über allen Namen, der Name, in dem das Heil ist. “Und in keinem andern ist das Heil, auch ist kein andrer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, durch den wir sollen selig werden” (Apostelgeschichte 4,12).
Das hat Konsequenzen für uns. Wenn wir Christen sind, tragen wir den Namen Christi. Wir sind nach ihm benannt. Das ist eine Würde, aber auch eine Verantwortung. Paulus schreibt: “Ihr seid Christi, Christus aber ist Gottes” (1. Korinther 3,23). Wir gehören zu ihm. Wir repräsentieren ihn. Menschen schauen auf uns und bilden sich ein Urteil über Christus, über Gott. Das ist eine ernüchternde Erkenntnis. Es bedeutet, dass unser Verhalten, unsere Worte, unsere Entscheidungen Auswirkungen haben, die weit über uns selbst hinausgehen. Wenn wir lieblos sind, denken Menschen, dass Gott lieblos ist. Wenn wir heuchlerisch sind, denken Menschen, dass der Glaube Heuchelei ist. Wenn wir unbarmherzig sind, denken Menschen, dass Gott unbarmherzig ist. Paulus warnt die Römer: “Denn euretwegen wird Gottes Name gelästert unter den Heiden” (Römer 2,24). Das ist eine harte Anklage, aber sie gilt auch uns. Unser Leben kann dazu führen, dass Gottes Name missbraucht, missverstanden, verachtet wird.
Seien wir doch ehrlich: Gute und vorbildliche Repräsentanten Christi sind wir Christen oft nicht – weder im Alltag draußen noch in den sozialen Netzwerken. Dort, wo unser Leben eigentlich den Duft Christi tragen sollte, verbreiten wir manchmal eher den Geruch unserer eigenen Verletzungen, unserer Rechthaberei, unserer Unreife. In den digitalen Räumen, in denen jeder alles kommentieren kann, zeigen wir nicht selten ein Bild von Christsein, das wenig mit Christus zu tun hat: hart, unbarmherzig, spöttisch, belehrend. Und die Welt schaut zu. Sie bildet sich ein Urteil – nicht nur über uns, sondern über den, dessen Namen wir tragen. Das ist die ernüchternde Wahrheit: Unser Verhalten kann Gottes Namen groß machen oder ihn verachten lassen.
Aber unser Leben kann auch dazu führen, dass Gottes Name geheiligt wird. Jesus sagt: “So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen” (Matthäus 5,16). Nicht damit sie uns preisen, sondern damit sie den Vater preisen. Das ist der Unterschied. Wenn wir leben, um Aufmerksamkeit auf uns zu ziehen, missbrauchen wir letztlich auch den Namen Gottes, weil wir uns selbst an seine Stelle setzen. Aber wenn wir leben, um auf ihn hinzuweisen, wenn unser Leben transparent wird für seine Liebe, seine Gnade, seine Wahrheit, dann wird sein Name geheiligt.
Das dritte Gebot mahnt uns auch zur Vorsicht im Reden über Gott. Jakobus schreibt: “Nicht viele von euch sollen Lehrer werden, meine Brüder, denn ihr wisst, dass wir ein desto strengeres Urteil empfangen werden” (Jakobus 3,1). Wer im Namen Gottes redet, trägt eine besondere Verantwortung. Wer lehrt, wer predigt, wer in irgendeiner Form für andere zum geistlichen Leiter wird, muss sich bewusst sein, dass er oder sie nicht leichtfertig sprechen darf. Jedes Wort hat Gewicht. Jede Auslegung kann Menschen helfen, verletzen oder verführen. Jede Verkündigung kann Menschen näher zu Gott bringen oder von ihm wegführen. Das ist eine Last, die demütig macht. Es sollte uns zögern lassen, schnell zu urteilen, schnell zu behaupten, schnell zu verkündigen. Es sollte uns treiben, immer wieder zur Quelle zurückzukehren, zur Heiligen Schrift, zum Gebet, zur Gemeinschaft, um sicherzustellen, dass das, was wir sagen, wirklich von Gott kommt und nicht nur unsere eigene Meinung ist.
Doch heute erleben wir oft das Gegenteil. Jeder möchte predigen, jeder möchte lehren, ermahnen, korrigieren, urteilen – und das nicht selten ohne Berufung, ohne Prüfung, ohne Demut. In sozialen Medien, in Gruppen, in Kommentaren sprechen Menschen mit einer Selbstverständlichkeit „im Namen Gottes“, als wäre das ihr Recht. Vielen ist nicht bewusst, dass genau hier der Missbrauch des Namens Gottes beginnt: wenn wir unsere eigenen Gedanken, Gefühle oder Überzeugungen mit göttlicher Autorität ausstatten. Wenn wir meinen, unsere Meinung sei Gottes Wille. Wenn wir aus spontanen Impulsen heraus geistliche Urteile fällen. Wo jeder zum Lehrer wird, ohne Lehrer zu sein, wo jeder verkündigt, ohne geprüft zu haben, wo jeder ermahnt, ohne selbst unter dem Wort Gottes zu stehen – dort wird der heilige Name leicht zur Legitimation menschlicher Eitelkeit. Und das dritte Gebot ruft uns gerade hier zur heiligen Vorsicht.
Die Versuchung ist groß, Gott für unsere eigenen Überzeugungen zu vereinnahmen. In theologischen Debatten, in ethischen Diskussionen, in politischen Auseinandersetzungen ist es so einfach zu sagen: Gott ist auf meiner Seite. Gott denkt so wie ich. Wer anders denkt, ist gegen Gott. Das ist gefährlich. Es macht Gott zu unserer Marionette, zu einem Verstärker unserer eigenen Stimme. Das dritte Gebot fordert uns auf, bescheidener zu sein. Vielleicht sollten wir öfter sagen: Ich denke, dass Gott das will, aber ich könnte mich irren. Ich verstehe die Heilige Schrift so, aber es gibt andere Verständnisse. Ich bete für Klarheit, aber ich beanspruche nicht, die letzte Wahrheit zu besitzen. Diese Haltung ist nicht Relativismus. Sie ist Demut. Sie ist Ehrfurcht vor dem Geheimnis Gottes, der größer ist als unser Verstehen.
Es gibt auch einen Missbrauch des Namens Gottes in der Frömmigkeit selbst. Wenn wir religiöse Sprache verwenden, um uns selbst besser zu fühlen, um Anerkennung zu bekommen, um uns von anderen abzuheben. Wenn wir beten, um gesehen zu werden, wenn wir von Gott reden, um fromm zu wirken, wenn wir geistliche Worte benutzen als Fassade, hinter der wir unser wahres Ich verstecken. Jesus hat das bei den Pharisäern gesehen: “Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr seid wie die übertünchten Gräber, die von außen hübsch aussehen, aber innen sind sie voller Totengebeine und lauter Unrat! So auch ihr: von außen scheint ihr vor den Menschen gerecht, aber innen seid ihr voller Heuchelei und Unrecht” (Matthäus 23,27–28). Harte Worte, aber sie treffen einen Punkt. Frömmigkeit kann zur Maske werden. Religiöse Sprache kann zur Lüge werden. Und wenn das geschieht, wird Gottes Name missbraucht auf die subtilste und gefährlichste Weise, weil es im Gewand der Heiligkeit daherkommt.
Das dritte Gebot ruft uns zu Echtheit. Es sagt: Sei wahrhaftig. Wenn du betest, dann bete wirklich. Wenn du von Gott sprichst, dann sprich aus Überzeugung, nicht aus Gewohnheit. Wenn du seinen Namen nennst, dann tu es mit Bewusstsein, mit Ehrfurcht, mit Liebe. Lass deinen Glauben keine Fassade sein, sondern eine gelebte Wirklichkeit. Das ist anspruchsvoll, weil es uns keine Verstecke lässt. Es zieht uns hinein in die Wahrhaftigkeit, die manchmal wehtut, die uns unsere Schwäche zeigt, die uns demütig macht. Aber nur in dieser Wahrhaftigkeit können wir wirklich mit Gott leben.
Die Verheißung des dritten Gebots ist ernst: “Der HERR wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht.” Das ist keine Drohung eines rachsüchtigen Gottes, sondern die Feststellung einer Realität. Wer Gottes Namen missbraucht, trennt sich von der Quelle des Lebens. Der trennt sich von dem lebendigen Gott selbst. Wer leichtfertig mit dem Heiligen umgeht, verliert das Gespür für das Heilige. Wer Gott für eigene Zwecke instrumentalisiert, verliert die Beziehung zu dem lebendigen Gott. Die Strafe ist nicht eine äußere Bestrafung, die von außen kommt, sondern die innere Konsequenz des Bruchs. Wer den Namen Gottes missbraucht, entfremdet sich von Gott selbst. Und das ist die größte Strafe, die es geben kann.
Aber die Botschaft des Evangeliums ist, dass wir nicht hoffnungslos sind, wenn wir versagt haben. Wenn wir Gottes Namen missbraucht haben, ob wissentlich oder unwissentlich, ob grob oder subtil, gibt es einen Weg zurück. Jesus ist dieser Weg. Er hat den Namen des Vaters vollkommen geheiligt, und durch ihn können wir Vergebung finden. “Wenn wir aber unsre Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit” (1. Johannes 1,9). Die Gnade Gottes ist größer als unser Versagen. Sein Name ist nicht nur ein Name, den wir heiligen sollen, sondern ein Name, der uns heiligt, der uns heilt, der uns wiederherstellt. Das dritte Gebot lädt uns ein, in eine neue Beziehung zum Namen Gottes zu treten. Eine Beziehung, die von Ehrfurcht geprägt ist, aber auch von Vertrautheit. Eine Beziehung, die den Namen nicht leichtfertig ausspricht, aber ihn auch nicht scheut. Eine Beziehung, die weiß: Dieser Name ist heilig, aber er ist auch der Name dessen, der uns liebt, der uns kennt, der uns ruft. Wir dürfen seinen Namen anrufen. Wir dürfen zu ihm kommen. Wir dürfen in seinem Namen beten, handeln, leben. Aber wir tun es mit Bewusstsein, mit Respekt, mit Liebe, mit Demut und großer Ehrfurcht. Wir tun es nicht als Recht, sondern als Geschenk. Wir tun es nicht als Besitz, sondern als Gnade.
Vielleicht ist die beste Weise, den Namen Gottes zu heiligen, nicht viel über ihn zu reden, sondern viel mit ihm zu reden. Nicht über Gott zu sprechen wie über einen Gegenstand, sondern mit ihm zu leben wie mit einem Gegenwärtigen. Nicht über Gott zu sprechen, als stünde man über ihm, sondern mit ihm zu leben. Nicht seinen Namen als Argument zu benutzen, sondern seinen Namen als Zuflucht zu kennen. “Der Name des HERRN ist ein festes Schloss; der Gerechte läuft dorthin und wird beschirmt” (Sprüche 18,10). Das ist die Verheißung. Sein Name ist Schutz, Zuflucht, Heimat. Und wer das erfährt, wird seinen Namen nie wieder leichtfertig aussprechen.
