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Die Wal Rettung und die Doppelmoral der Menschen!

Die Wal Rettung und die Doppelmoral der Menschen!

In die­sen Tagen schwillt die Anteil­nah­me an. Ein Wal, gestran­det, ver­letzt, hilf­los – und Tau­sen­de schau­en hin. Nach­rich­ten­sen­der berich­ten, Hel­fer mobi­li­sie­ren, Spen­den­kon­ten wer­den eröff­net. Die Bil­der gehen um die Welt. Ein gro­ßes Tier, das lei­det. Und mit ihm lei­det eine Öffent­lich­keit, die sich sorgt, die hofft, die betet – manch­mal auch ohne Adres­sa­ten. Es ist ein Moment kol­lek­ti­ver Empa­thie, der berührt. Er zeigt, dass Men­schen fähig sind, Leid zu sehen und dar­auf zu ant­wor­ten. Sogar Gebets­grup­pen wur­den für das Tier gegrün­det. Men­schen kamen zusam­men, um Wor­te zu fin­den für etwas, das sich eigent­lich jeder Spra­che ent­zieht. Es war kein lit­ur­gi­sches Pro­gramm, kei­ne theo­lo­gi­sche Debat­te, son­dern ein spon­ta­nes, bei­na­he kind­li­ches Rufen nach Bewah­rung. Viel­leicht war es weni­ger ein Gebet für den Wal als ein Gebet gegen die eige­ne Ohn­macht. Und doch zeig­te sich dar­in eine tie­fe Wahr­heit: Wo Mit­ge­fühl erwacht, sucht der Mensch nach einer Form, es zu hal­ten, zu tra­gen, zu ver­wan­deln.

Doch zugleich ent­steht eine Fra­ge, die nicht laut gestellt wird, die aber im Raum steht: War­um fällt uns die­se Anteil­nah­me an einem Tier leich­ter als die Trau­er um ein unge­bo­re­nes Kind? War­um mobi­li­siert das eine unse­re gan­ze Kraft, wäh­rend das ande­re in Schwei­gen gehüllt bleibt, manch­mal sogar mit dem Anspruch auf Frei­heit ver­tei­digt wird? Es geht hier nicht dar­um, Mit­ge­fühl gegen­ein­an­der aus­zu­spie­len. Es geht um die Fra­ge nach der Kon­si­stenz unse­res mora­li­schen Emp­fin­dens und dar­um, was wir als schüt­zens­wert erach­ten und was nicht.

Man setzt sich für das Leben eines Tie­res ein – und gleich­zei­tig kämpft man für das Recht zur Abtrei­bung. Die­se Gleich­zei­tig­keit wirkt wie ein Riss in unse­rem mora­li­schen Emp­fin­den. Auf der einen Sei­te das ent­schlos­se­ne Ein­tre­ten für ein ver­letz­tes Geschöpf, das wir kaum ken­nen, des­sen Zukunft wir nicht beein­flus­sen kön­nen, des­sen Leid uns den­noch tief berührt. Auf der ande­ren Sei­te die Über­zeu­gung, dass das unge­bo­re­ne Leben im Bauch einer Mut­ter nicht den­sel­ben Schutz bean­spru­chen darf. Es ist, als ob zwei mora­li­sche Intui­tio­nen neben­ein­an­der­ste­hen, ohne sich zu berüh­ren: die spon­ta­ne Empa­thie für das Sicht­ba­re – und die Zurück­hal­tung, ja der Wider­stand, wenn es um das Unsicht­ba­re geht, das den­noch lebt.

Die Hei­li­ge Schrift spricht eine kla­re Spra­che über den Wert des Lebens. Im Psalm 139 betet David: „Denn du hast mei­ne Nie­ren berei­tet und hast mich gebil­det im Mut­ter­lei­be. Ich dan­ke dir dafür, dass ich wun­der­bar gemacht bin; wun­der­bar sind dei­ne Wer­ke; das erkennt mei­ne See­le.” Hier wird das unge­bo­re­ne Leben nicht als bio­lo­gi­sches Mate­ri­al beschrie­ben, son­dern als Werk Got­tes, als Per­son in Bezie­hung zu ihrem Schöp­fer, noch bevor sie das Licht der Welt erblickt. Der Mensch im Mut­ter­leib ist kein wer­den­der Mensch, son­dern ein Mensch im Wer­den. Die­se Unter­schei­dung ist ent­schei­dend.

Es ist bezeich­nend, dass in unse­rer Zeit die Tötung unge­bo­re­nen Lebens nicht nur gedul­det, son­dern als Aus­druck von Selbst­be­stim­mung und Fort­schritt gefei­ert wird. Geset­ze wer­den erlas­sen, die den Zugang erleich­tern. Kam­pa­gnen wer­ben dafür, das Schwei­gen zu bre­chen – aber nur in eine Rich­tung: zugun­sten der Ent­schei­dung gegen das Kind. Wer hin­ge­gen für das Leben des Unge­bo­re­nen spricht, wird oft als rück­stän­dig, reli­gi­ös ver­blen­det oder frau­en­feind­lich dif­fa­miert. Der öffent­li­che Raum hat sich ver­engt. Das mora­li­sche Koor­di­na­ten­sy­stem hat sich ver­scho­ben. Gleich­zei­tig erle­ben wir eine Gesell­schaft, die sich um das Wohl von Tie­ren sorgt – und das ist gut so. Tier­schutz ist ein Aus­druck von Ver­ant­wor­tung, von Ach­tung vor der Schöp­fung. Aber wenn die­sel­be Gesell­schaft vor dem Leid eines Kin­des im Mut­ter­leib die Augen ver­schließt, wenn sie den Schmerz der Mut­ter sieht, aber das Kind unsicht­bar lässt, dann liegt hier ein Bruch vor, der nicht nur logisch, son­dern auch geist­lich von Bedeu­tung ist.

Es gibt wei­te­re Bei­spie­le die­ser Dop­pel­mo­ral. Wir bekla­gen zu Recht die Ein­sam­keit alter Men­schen in Pfle­ge­hei­men, doch zugleich wird über akti­ve Ster­be­hil­fe dis­ku­tiert, als sei der Tod eine Dienst­lei­stung, die man buchen kann. Wir empö­ren uns über Gewalt gegen Kin­der, doch die Zahl der Abtrei­bun­gen wird sta­ti­stisch erfasst, als hand­le es sich um medi­zi­ni­sche Rou­ti­ne­ein­grif­fe ohne mora­li­sches Gewicht. Wir spre­chen von Men­schen­wür­de, mei­nen aber oft nur die Wür­de derer, die spre­chen kön­nen, die sicht­bar sind, die eine Lob­by haben.

Wir bekla­gen die zuneh­men­de Ver­ro­hung der Gesell­schaft, doch kaum jemand zeigt Initia­ti­ve gegen die all­täg­li­che Gewalt, die uns umgibt. Wenn ein Wal stran­det, wer­den Peti­tio­nen gestar­tet, Brie­fe an den Bun­des­tag geschrie­ben, Spen­den gesam­melt, eine Empö­rungs­wel­le rollt durch das Land. Aber wenn es um die Gewalt geht, die Men­schen ein­an­der antun – in Fami­li­en, auf Stra­ßen, in Schu­len, in digi­ta­len Räu­men –, bleibt es oft still. Wir reagie­ren mit Betrof­fen­heit, aber sel­ten mit Kon­se­quenz. Was für eine Dop­pel­mo­ral und Heu­che­lei: Für ein Tier mobi­li­sie­ren wir gan­ze Bewe­gun­gen, doch beim Schutz der Schwäch­sten unter uns ver­har­ren wir in Pas­si­vi­tät, Aus­re­den oder poli­ti­scher Gleich­gül­tig­keit.

Die Fra­ge ist also nicht, ob wir Empa­thie haben. Wir haben sie. Die Fra­ge ist, wem wir sie schen­ken und wem wir sie ver­wei­gern. Und war­um. Viel­leicht liegt es dar­an, dass ein Wal kei­ne For­de­run­gen stellt. Er ver­än­dert mein Leben nicht. Er kostet mich nichts. Ein Kind hin­ge­gen for­dert alles: Zeit, Kraft, Ver­zicht, Hin­ga­be. Ein Kind stellt die Fra­ge nach der eige­nen Frei­heit neu. Und in einer Kul­tur, die Auto­no­mie über alles stellt, wird das Kind zur Bedro­hung. Doch Chri­stus ruft uns in eine ande­re Frei­heit. Nicht die Frei­heit von Bin­dung, son­dern die Frei­heit zur Lie­be. Nicht die Frei­heit, über Leben zu ver­fü­gen, son­dern die Frei­heit, Leben zu die­nen. „Wer sein Leben erhal­ten will, der wird’s ver­lie­ren; wer aber sein Leben ver­liert um mei­net­wil­len, der wird’s fin­den”, heißt es in Mat­thä­us 16,25. Das ist kei­ne bil­li­ge Moral. Das ist der Weg des Kreu­zes. Und er führt durch Ver­zicht hin­durch zur Fül­le.

Es bleibt die Fra­ge: Was tun? Wie leben wir als Chri­sten in einer Welt, die den Wert des Lebens rela­ti­viert? Zunächst: indem wir selbst das Leben ach­ten, in Wort und Tat. Indem wir Frau­en in Not bei­ste­hen, prak­tisch, finan­zi­ell, seel­sor­ger­lich. Indem wir nicht nur gegen Abtrei­bung spre­chen, son­dern für das Kind und für die Mut­ter. Indem wir Räu­me schaf­fen, in denen Leben will­kom­men ist, auch wenn es unge­plant kommt. Und indem wir das Evan­ge­li­um ver­kün­di­gen, das jedem Men­schen, auch dem klein­sten, unend­li­chen Wert zuspricht, weil Chri­stus für ihn gestor­ben ist.

Die Hoff­nung für den Wal ist berech­tigt. Aber sie bleibt unvoll­stän­dig, wenn sie nicht auch zur Hoff­nung für das Kind wird. An die­sen Dis­kus­sio­nen sehen wir unse­re Dop­pel­mo­ral, unse­re gan­ze Heu­che­lei. Wir wäh­len aus, wem unser Mit­ge­fühl gilt, nach Kri­te­ri­en, die wir selbst nicht benen­nen wol­len. Wir empö­ren uns über Unge­rech­tig­keit, solan­ge sie uns nicht selbst betrifft. Wir ver­tei­di­gen Rech­te, solan­ge sie unse­re Bequem­lich­keit nicht gefähr­den. Das ist die bit­te­re Wahr­heit, der wir uns stel­len müs­sen. Nicht, um uns selbst zu ver­ur­tei­len, son­dern um umzu­keh­ren und nach­zu­den­ken.

Die Dop­pel­mo­ral und Heu­che­lei zeigt sich dar­in, dass wir uns mit gro­ßer Lei­den­schaft für die Ret­tung eines Wales ein­set­zen – und gleich­zei­tig in unse­rer Gesell­schaft Ent­schei­dun­gen unter­stüt­zen, die das Leben unge­bo­re­ner Kin­der nicht schüt­zen, indem wir die Abtrei­bung befür­wor­ten und lega­li­sie­ren. Eben­so wider­sprüch­lich ist es, wenn wir Krie­ge recht­fer­ti­gen, Bom­bar­die­run­gen gut­hei­ßen oder zumin­dest schwei­gend hin­neh­men, obwohl wir wis­sen, dass dabei gan­ze Zivil­be­völ­ke­run­gen aus­ge­löscht wer­den kön­nen, und den­noch mit der­sel­ben mora­li­schen Über­zeu­gung für ein ein­zel­nes Tier kämp­fen. Die­se Span­nun­gen offen­ba­ren nicht nur poli­ti­sche oder ethi­sche Brü­che, son­dern vor allem die Zer­ris­sen­heit unse­res eige­nen Her­zens. Wir wol­len gut sein, aber wir wäh­len oft den Weg, der uns am wenig­sten kostet. Wir seh­nen uns nach Gerech­tig­keit, aber wir scheu­en die Kon­se­quen­zen, wenn sie uns selbst betrifft.

An die­ser Debat­te um die Wal­ret­tung zeigt sich unse­re gan­ze Heu­che­lei, unser blin­der Fleck dafür, wie der Mensch tat­säch­lich tickt. Dass der Wal über­haupt bei uns gestran­det ist, hat auch mit unse­rem Umgang mit Umwelt und Schöp­fung zu tun – mit Lärm, Ver­schmut­zung, Schiffs­ver­kehr, Kli­ma­ver­än­de­run­gen. Doch sobald die­ser Wal gestor­ben ist, wird sich an unse­rem Ver­hal­ten kaum etwas ändern. Wir wer­den wei­ter­le­ben wie bis­her, auf Kosten der Natur, auf Kosten der Mee­re, auf Kosten der Schöp­fung, die wir angeb­lich so sehr lie­ben. Für einen Moment empö­ren wir uns, für einen Moment füh­len wir uns mora­lisch wach – und keh­ren dann zurück in den­sel­ben Lebens­stil, der das Pro­blem erst her­vor­ge­bracht hat. Auch das ist Dop­pel­mo­ral: Wir trau­ern laut, aber wir ändern nichts. Das ist die bit­te­re Wahr­heit!

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