Es gibt einen Unter­schied zwis­chen einem Men­schen, der die Bibel ken­nt, und einem Men­schen, der Jesus Chris­tus dient. Bei­des ist nicht das­selbe, auch wenn wir das oft ver­wech­seln. Viele von uns haben gel­ernt, die Heilige Schrift zu studieren, Wahrheit­en zu vertei­di­gen und the­ol­o­gis­che Posi­tio­nen einzunehmen. Das ist nicht verkehrt. Aber es ist noch nicht alles. Es ist möglich, bibel­treu zu sein und den­noch nicht wirk­lich ein Knecht Jesu Christi zu wer­den.

Die eigentliche Frage ist schlicht und zugle­ich von großer Tiefe: Wie vol­lzieht sich dieser Über­gang? Wie wird aus einem Wis­sen über Gott eine wirk­liche Hingabe an ihn? Wie ver­wan­delt sich ein richtiges Ver­ständ­nis des Glaubens – eine treue Ori­en­tierung an der Wahrheit – in ein Leben, das dieser Wahrheit entspricht, weil das Herz sich vor dem lebendi­gen Chris­tus beugt? Es geht darum, dass aus rechter Lehre ein rechter Lebensweg wird, aus erkan­nter Wahrheit gelebte Nach­folge.

Paulus nen­nt sich selb­st im Römer­brief „ein Knecht Christi Jesu, berufen zum Apos­tel, aus­geson­dert zu predi­gen das Evan­geli­um Gottes“ (Römer 1,1). Er begin­nt seinen Brief nicht mit seinen Ver­di­en­sten, nicht mit sein­er Bil­dung, nicht mit sein­er phar­isäis­chen Ver­gan­gen­heit. Er begin­nt mit sein­er Iden­tität als Knecht. Das griechis­che Wort dou­los bedeutet Sklave, jemand, der keinen eige­nen Willen mehr hat, der völ­lig einem anderen gehört. Paulus ver­ste­ht sich nicht als freier religiös­er Denker, der gele­gentlich Gott kon­sul­tiert. Er ver­ste­ht sich als Eigen­tum Christi.

Das ist der erste Schritt: die Erken­nt­nis, dass wir nicht uns selb­st gehören. Wir leben in ein­er Zeit, in der Autonomie als höch­stes Gut gilt. Selb­st in christlichen Kreisen sprechen wir von per­sön­lich­er Frei­heit, von indi­vidu­eller Führung, von unserem Weg mit Gott. All das hat seine Berech­ti­gung, aber es kann auch ver­schleiern, was im Kern des christlichen Glaubens ste­ht. Wir sind gekauft. „Denn ihr seid teuer erkauft; darum preist Gott mit eurem Leibe“ (1. Korinther 6,20). Der Preis war das Blut Jesu Christi. Wer das ver­standen hat, der ver­ste­ht auch, dass er nicht mehr sein eigen­er Herr ist.

Das bedeutet nicht Unter­w­er­fung im Sinne von Unter­drück­ung. Es bedeutet Befreiung. Ein Knecht Jesu Christi zu sein heißt, frei zu wer­den von der Tyran­nei des eige­nen Ichs, von der Angst vor Men­schen, von dem ständi­gen Bedürf­nis, sich selb­st zu beweisen oder zu recht­fer­ti­gen. Jesus selb­st sagt: „Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin san­ft­mütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe find­en für eure See­len“ (Matthäus 11,29). Ein Joch ist ein Arbeits­gerät, das auf die Schul­tern gelegt wird. Doch das Joch Jesu drückt nicht. Es ist leicht, weil er selb­st die Last mit uns trägt. Vielle­icht hil­ft ein Bild aus dem All­t­ag. Stell dir einen Gärt­ner vor, der einen wilden Rosen­strauch find­et. Der Strauch wächst, wie er will, in alle Rich­tun­gen, ohne Form, ohne Ziel. Der Gärt­ner kön­nte den Strauch ein­fach so lassen. Aber er weiß, dass dieser Strauch zu mehr bes­timmt ist. Also schnei­det er ihn zurück, bindet ihn an ein Spalier, gibt ihm eine Rich­tung. Der Strauch ver­liert dabei seine Wild­heit, aber er gewin­nt etwas anderes: Er wird frucht­bar, er blüht, er erfüllt seinen eigentlichen Zweck. So ist es auch mit uns. Gott beschnei­det uns nicht, um uns zu schaden, son­dern um uns frucht­bar zu machen. „Ich bin der wahre Wein­stock, und mein Vater der Weingärt­ner. Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, wird er weg­nehmen; und eine jede, die Frucht bringt, wird er reini­gen, dass sie mehr Frucht bringe“ (Johannes 15,1–2).

Ein Knecht Jesu Christi zu wer­den bedeutet auch, sich diesen Prozess zu öff­nen. Es bedeutet, nicht mehr selb­st bes­tim­men zu wollen, wo es langge­ht, son­dern zu fra­gen: Herr, was willst du? Es bedeutet mor­gens aufzuwachen und zu sagen: Dieser Tag gehört dir. Diese Hände gehören dir. Diese Worte gehören dir. Ver­füge über mich. Das klingt vielle­icht radikal, und das ist es auch. Aber es ist die Radikalität, die Jesus selb­st gelebt hat. „Meine Speise ist die, dass ich tue den Willen dessen, der mich gesandt hat, und vol­lende sein Werk“ (Johannes 4,34). Jesus hat­te Hunger, er hat­te Bedürfnisse, er war müde. Aber sein tief­stes Ver­lan­gen war es, den Willen des Vaters zu tun. Das war seine Nahrung, das war das, was ihn am Leben hielt. Und wir sind berufen, ihm darin nachzu­fol­gen.

Nun kön­nte man fra­gen: Wie unter­schei­det sich das prak­tisch von einem bibel­treuen Christ­sein? Der bibel­treue Christ studiert die Heilige Schrift, er ken­nt die Lehre, er vertei­digt die Wahrheit. Das ist gut und wichtig. Aber der Knecht Christi tut noch etwas anderes: Er gehorcht. Nicht aus Pflicht, nicht aus Angst, son­dern aus Liebe. „Wer meine Gebote hat und hält sie, der ist’s, der mich liebt. Wer mich aber liebt, der  wird von meinem Vater geliebt wer­den, und ich werde ihn lieben und mich ihm offen­baren“ (Johannes 14,21). Gehor­sam ist nicht das Gegen­teil von Frei­heit. Gehor­sam ist der Weg zur Gemein­schaft mit Chris­tus. Es ist möglich, die Bibel zu lieben und Chris­tus doch nicht zu fol­gen. Die Phar­isäer kön­nen die Heilige Schrift auswendig. Sie disku­tierten über jedes Detail des Geset­zes. Aber Jesus sagte zu ihnen: „Ihr sucht in der Schrift, denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin; und sie ist’s, die von mir zeugt; aber ihr wollt nicht zu mir kom­men, dass ihr das Leben hät­tet“ (Johannes 5,39–40). Die Heilige Schrift weist auf Chris­tus hin. Und doch kann man bei der Schrift ste­hen bleiben und nie zu Chris­tus selb­st gelan­gen. Ein Men­sch kann the­ol­o­gisch völ­lig kor­rekt sein und den­noch ohne lebendi­ge Beziehung bleiben. Genau darin liegt die Gefahr.

Das beobacht­en wir heute bei vie­len Chris­ten, beson­ders in den sozialen Net­zw­erken. Dort wird die Wahrheit oft mit großer Lei­den­schaft vertei­digt – manch­mal mit ein­er Härte, die dem Evan­geli­um wider­spricht. Sün­der wer­den mit Bibel­stellen über­häuft, als könne man Men­schen mit Argu­menten bekehren. Es wird end­los disku­tiert, gestrit­ten, kor­rigiert. Und doch sieht man häu­fig eine Bibel­treue ohne Chris­tus: ohne Liebe, ohne San­ft­mut, ohne das Herz des guten Hirten. Eine Ortho­dox­ie ohne Ortho­prax­ie, eine Wahrheit ohne Gnade, ein Eifer ohne die Demut des Gehor­sams. Ein Glaube, der zwar richtig denkt, aber nicht danach lebt, eine Lehre ohne Liebe und ein religiös­er Eifer ohne die Demut des Gehor­sams ver­fehlen das Herz Christi.

Ein Knecht Christi ist jemand, der nicht nur über Chris­tus redet, son­dern mit ihm lebt. Der nicht nur Predigten über Nach­folge hört, son­dern nach­fol­gt. Der nicht nur über Selb­stver­leug­nung spricht, son­dern sein Kreuz aufn­immt. „Da sprach Jesus zu seinen Jüngern: Will mir jemand nach­fol­gen, der ver­leugne sich selb­st und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir“ (Matthäus 16,24). Das ist keine Meta­pher. Das ist eine konkrete Ein­ladung zu einem Leben, das nicht mehr um sich selb­st kreist.

Was heißt das im All­t­ag? Es heißt, dass wir aufhören, unser Leben selb­st zu pla­nen, als wir die Her­ren unser­er Zeit wären. Es heißt, dass wir unseren Beruf, unsere Beziehun­gen, unsere Finanzen, unsere Zukun­ft vor Gott brin­gen und sagen: Herr, ich lege das in deine Hände. Nicht mein Wille, son­dern dein Wille geschehe. Es heißt, dass wir bere­it sind, Unan­nehm­lichkeit­en auf uns zu nehmen, wenn Chris­tus uns ruft. Es heißt, dass wir Men­schen lieben, die schw­er zu lieben sind, weil Chris­tus uns geliebt hat, als wir noch Sün­der waren. „Denn dazu seid ihr berufen, da auch Chris­tus gelit­ten hat für euch und euch ein Vor­bild hin­ter­lassen, dass ihr seinen Fuß­tapfen nach­fol­gen soll“ (1. Petrus 2,21).

Es gibt einen Moment, in dem diese Entschei­dung getrof­fen wird. Manch­mal ist es ein klar erkennbar­er Augen­blick, manch­mal ist es ein langsamer, stiller Prozess. Aber irgend­wann kommt der Punkt, an dem wir die Kon­trolle abgeben. An dem wir aufhören, Gott Ratschläge zu geben, und begin­nen, seine Weisun­gen zu emp­fan­gen. An dem wir nicht mehr han­deln, son­dern ver­trauen. Das ist kein per­fek­ter Prozess. Wir wer­den Fehler machen. Wir wer­den immer wieder in alte Muster zurück­fall­en, in denen wir ver­suchen, unser Leben selb­st zu steuern. Aber die Rich­tung hat sich geän­dert. Das Herz ist neu aus­gerichtet. Paulus schreibt: „Ich ver­mag alles durch den, der mich mächtig macht“ (Philip­per 4,13). Diese Kraft kommt nicht aus uns selb­st. Sie kommt aus der Verbindung mit Chris­tus, aus der täglichen Gemein­schaft mit ihm, aus dem Gebet, aus dem Hören auf sein Wort.

Ein Knecht Jesu Christi zu wer­den bedeutet auch, die eigene Begren­ztheit anzunehmen; zu erken­nen, dass wir nicht groß, stark oder selb­st­genügsam sind, son­dern auf seinen Her­rn angewiesen. Wir sind nicht die Ret­ter der Welt. Wir sind nicht uner­set­zlich. Wir sind Werkzeuge in der Hand eines viel größeren Meis­ters. Und das ist eine befreiende Erken­nt­nis. Wir müssen nicht alles richtig machen. Wir müssen nicht per­fekt sein. Wir müssen nur ver­füg­bar sein. „Denn wir haben einen Schatz in ird­e­nen Gefäßen, damit die über­schwängliche Kraft von Gott sei und nicht von uns“ (2. Korinther 4,7). Gott benutzte zer­broch­ene Gefäße. Er benutzt Men­schen, die ihre Schwach­heit ken­nen und ger­ade deshalb auf ihn ver­trauen.

Die Frage ist auch nicht, ob wir gut genug sind, um ein Knecht Christi zu sein. Die Frage ist, ob wir bere­it sind. Bere­it, loslassen. Bere­it, zu fol­gen. Bere­it, zu dienen. Jesus selb­st hat uns das Vor­bild gegeben. Er, der Herr des Him­mels und der Erde, hat sich erniedrigt, ist Men­sch gewor­den, hat den Tod am Kreuz auf sich genom­men. „Er, der in göt­tlich­er Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gle­ich zu sein, son­dern entäußerte sich selb­st und nahm Knechts­gestalt an, ward den Men­schen gle­ich und der Erschei­n­ung nach als Men­sch erkan­nt. Er erniedrigte sich selb­st und ward gehor­sam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz“ (Philip­per 2,6–8). Wenn Chris­tus selb­st Knecht wurde, wie viel mehr soll­ten wir bere­it sein, ihm als Knechte zu dienen? Nicht aus Zwang, son­dern aus Dankbarkeit. Nicht aus Furcht, son­dern aus Liebe. Nicht, weil wir müssen, son­dern weil wir dür­fen.

Es gibt nichts Größeres, nichts Erfül­len­deres, als in den Dienst dessen gestellt wer­den, der uns zuerst geliebt hat. Das ist der Weg vom bibel­treuen Chris­ten zum Knecht Jesu Christi. Es ist kein Weg der Per­fek­tion, aber ein Weg der Hingabe. Es ist kein Weg ohne Kampf, aber ein Weg mit Chris­tus. Und am Ende dieses Weges wartet das Wort, das jed­er Knecht Christi hören möchte: „Recht so, du tüchtiger und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewe­sen, ich will dich über viel set­zen; geh hinein zu deinem Her­rn Freude!“ (Matthäus 25,21).

Das ist das Ziel. Nicht unsere eigene Ehre, son­dern seine Freude. Nicht unsere eige­nen Pläne, son­dern sein Reich. Nicht unser eigenes Leben, son­dern sein Leben in uns. Viele nen­nen sich heute bibel­treu. Doch vielle­icht soll­ten wir uns weniger über solche Etiket­ten definieren und uns vielmehr als Knechte – ja, als Sklaven Christi – ver­ste­hen. Nicht als Men­schen, die eine Posi­tion vertei­di­gen, son­dern als Men­schen, die einem Her­rn gehören. Wer sich so begreift, sucht nicht zuerst Recht zu behal­ten, son­dern Chris­tus zu gehorchen. Nicht das eigene Urteil ste­ht dann im Mit­telpunkt, son­dern Seine Stimme. Und genau darin liegt die wahre Frei­heit eines Chris­ten­men­schen.

Ähnliche Beiträge

Categorized in:

Bibelnews,