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Wenn der Auf­er­stan­de­ne uner­kannt neben uns geht!

Wenn der Auf­er­stan­de­ne uner­kannt neben uns geht!

Lukas 24, 13–35

Die Emma­us­jün­ger (Mar­kus 16,12–13)

“Und sie­he, zwei von ihnen gin­gen an dem­sel­ben Tage in ein Dorf, das war von Jeru­sa­lem etwa zwei Weg­stun­den ent­fernt; des­sen Name ist Emma­us. Und sie rede­ten mit­ein­an­der von allen die­sen Geschich­ten. Und es geschah, als sie so rede­ten und sich mit­ein­an­der bespra­chen, da nah­te sich Jesus selbst und ging mit ihnen. Aber ihre Augen wur­den gehal­ten, dass sie ihn nicht erkann­ten. Er sprach aber zu ihnen: Was sind das für Din­ge, die ihr mit­ein­an­der ver­han­delt unter­wegs? Da blie­ben sie trau­rig ste­hen. Und der eine, mit Namen Kleo­pas, ant­wor­te­te und sprach zu ihm: Bist du der Ein­zi­ge unter den Frem­den in Jeru­sa­lem, der nicht weiß, was in die­sen Tagen dort gesche­hen ist? Und er sprach zu ihnen: Was denn? Sie aber spra­chen zu ihm: Das mit Jesus von Naza­reth, der ein Pro­phet war, mäch­tig in Taten und Wor­ten vor Gott und allem Volk; wie ihn uns­re Hohen­prie­ster und Obe­ren zur Todes­stra­fe über­ant­wor­tet und gekreu­zigt haben. Wir aber hoff­ten, er sei es, der Isra­el erlö­sen wer­de. Und über das alles ist heu­te der drit­te Tag, dass dies gesche­hen ist. Auch haben uns erschreckt eini­ge Frau­en aus unse­rer Mit­te, die sind früh bei dem Grab gewe­sen, haben sei­nen Leib nicht gefun­den, kom­men und sagen, sie haben eine Erschei­nung von Engeln gese­hen, die sagen, er lebe. Und eini­ge von uns gin­gen hin zum Grab und fanden’s so, wie die Frau­en sag­ten; aber ihn sahen sie nicht. Und er sprach zu ihnen: O ihr Toren, zu trä­gen Her­zens, all dem zu glau­ben, was die Pro­phe­ten gere­det haben! Muss­te nicht Chri­stus dies erlei­den und in sei­ne Herr­lich­keit ein­ge­hen? Und er fing an bei Mose und allen Pro­phe­ten und leg­te ihnen aus, was in der gan­zen Schrift von ihm gesagt war. Und sie kamen nahe an das Dorf, wo sie hin­gin­gen. Und er stell­te sich, als woll­te er wei­ter­ge­hen. Und sie nötig­ten ihn und spra­chen: Blei­be bei uns; denn es will Abend wer­den und der Tag hat sich geneigt. Und er ging hin­ein, bei ihnen zu blei­ben. Und es geschah, als er mit ihnen zu Tisch saß, nahm er das Brot, dank­te, brach’s und gab’s ihnen. Da wur­den ihre Augen geöff­net und sie erkann­ten ihn. Und er ver­schwand vor ihnen. Und sie spra­chen unter­ein­an­der: Brann­te nicht unser Herz in uns, als er mit uns rede­te auf dem Wege und uns die Schrift öff­ne­te? Und sie stan­den auf zu der­sel­ben Stun­de, kehr­ten zurück nach Jeru­sa­lem und fan­den die Elf ver­sam­melt und die bei ihnen waren; die spra­chen: Der Herr ist wahr­haf­tig auf­er­stan­den und Simon erschie­nen. Und sie erzähl­ten ihnen, was auf dem Wege gesche­hen war und wie er von ihnen erkannt wur­de, als er das Brot brach.”

Zwei Men­schen gehen einen Weg. Es ist der­sel­be Tag, an dem das Grab leer gefun­den wur­de. Es ist der Tag, an dem Maria Jesus begeg­net ist. Aber die­se bei­den wis­sen das noch nicht. Sie gehen weg von Jeru­sa­lem. Sie gehen nach Emma­us, “das war von Jeru­sa­lem etwa zwei Weg­stun­den ent­fernt” (Lukas 24,13). Zwei Weg­stun­den. Das ist nicht weit, aber es ist weit genug. Weit genug, um Abstand zu gewin­nen. Weit genug, um dem zu ent­kom­men, was in Jeru­sa­lem gesche­hen ist. Sie gehen nicht, weil sie ein Ziel haben. Sie gehen, weil sie nicht blei­ben kön­nen. Der Text sagt: “Und sie rede­ten mit­ein­an­der von allen die­sen Geschich­ten” (Lukas 24,14). Sie reden. Das ist etwas, das Men­schen tun, wenn sie etwas ver­ar­bei­ten müs­sen. Sie reden über das, was gesche­hen ist. Sie ver­su­chen zu ver­ste­hen. Sie ver­su­chen, die Bruch­stücke zusam­men­zu­set­zen. Sie reden über Jesus. Über sei­ne Kreu­zi­gung. Über die Hoff­nung, die sie hat­ten. Über das, was jetzt zer­bro­chen ist. Das Reden bringt nicht unbe­dingt Klar­heit, aber es bringt Ent­la­stung. Es lässt sie nicht allein mit dem, was sie tra­gen.

Wäh­rend sie reden und sich mit­ein­an­der bespre­chen, geschieht etwas. “Da nah­te sich Jesus selbst und ging mit ihnen” (Lukas 24,15). Jesus selbst. Nicht ein Engel. Nicht eine Visi­on. Jesus selbst kommt zu ihnen. Er holt sie nicht zurück nach Jeru­sa­lem. Er geht mit ihnen. Er geht in ihre Rich­tung. Er geht ihren Weg. Aber sie erken­nen ihn nicht. “Ihre Augen wur­den gehal­ten, dass sie ihn nicht erkann­ten” (Lukas 24,16). Das ist eine merk­wür­di­ge For­mu­lie­rung. Ihre Augen wur­den gehal­ten. Nicht: sie waren blind. Nicht: sie schau­ten nicht hin. Son­dern: etwas hielt ihre Augen davon ab zu sehen, wer da neben ihnen geht. Sie sehen einen Frem­den. Einen Rei­sen­den. Jeman­den, der den­sel­ben Weg geht. Aber sie sehen nicht Jesus.

Und genau hier erken­nen wir uns selbst wie­der. Wie oft geht Jesus mit uns – und wir hal­ten ihn für einen Frem­den. Wie oft beglei­tet er uns auf Wegen, die wir eigent­lich gar nicht gehen soll­ten, und doch geht er mit. Wie oft spricht er zu uns durch sein Wort, durch Men­schen, durch Situa­tio­nen – und wir mer­ken nicht, dass er es ist. Unse­re Augen sind nicht blind, aber sie wer­den gehal­ten. Gehal­ten von Sor­gen. Gehal­ten von Ent­täu­schun­gen. Gehal­ten von fal­schen Erwar­tun­gen. Gehal­ten von dem, was wir uns aus­ma­len, wie Jesus sein müss­te, statt zu sehen, wie er wirk­lich ist. Wir reden über Jesus, wir dis­ku­tie­ren über Glau­bens­fra­gen, wir ana­ly­sie­ren Bibel­tex­te – und mer­ken nicht, dass der Herr selbst mit­ten unter uns ist. Wir gehen weg von Jeru­sa­lem, weg vom Ort der Hoff­nung, weg vom Ort der Ver­hei­ßung – und Jesus geht mit. Er lässt uns nicht allein in unse­rer Ver­wir­rung. Er war­tet nicht, bis wir wie­der „auf Kurs“ sind. Er kommt uns ent­ge­gen.

Das ist unser Christ­sein: Wir erken­nen Jesus nicht immer sofort. Wir ver­ste­hen ihn nicht immer. Wir sehen ihn nicht immer. Aber er sieht uns. Er geht mit uns. Er lässt uns nicht los. Und irgend­wann – oft spä­ter als wir den­ken, aber frü­her als wir ver­die­nen – öff­net er unse­re Augen. Nicht weil wir so klug wären, son­dern weil er so gnä­dig ist. Und dann erken­nen wir: Er war die gan­ze Zeit da.

Doch die­se Erfah­rung ist kein Ein­zel­fall. Sie zieht sich wie ein roter Faden durch die Begeg­nun­gen mit dem Auf­er­stan­de­nen. Maria erkann­te ihn erst, als er ihren Namen sag­te. Die Emma­us­jün­ger erken­nen ihn nicht, obwohl er direkt neben ihnen geht. Die Auf­er­ste­hung macht Jesus nicht auto­ma­tisch sicht­bar. Sei­ne Gegen­wart ist real – aber sie ist ver­bor­gen. Sie ist da – aber sie drängt sich nicht auf. Sie beglei­tet – aber sie zwingt sich nie­man­dem auf. Es gibt eine Ver­bor­gen­heit in der Auf­er­ste­hung, die uns zu den­ken gibt. Der Auf­er­stan­de­ne ist nicht weni­ger real als der irdi­sche Jesus. Aber er ist anders gegen­wär­tig. Er muss erkannt wer­den. Und das Erken­nen geschieht nicht von selbst.

Jesus spricht sie an. Er fragt: “Was sind das für Din­ge, die ihr mit­ein­an­der ver­han­delt unter­wegs?” (Lukas 24,17). Was ver­han­delt ihr? Was besprecht ihr? Er weiß, wor­über sie reden. Aber er fragt trotz­dem. Er lädt sie ein, es aus­zu­spre­chen. Er gibt ihnen Raum, ihre Geschich­te zu erzäh­len. Und sie blei­ben ste­hen. “Da blie­ben sie trau­rig ste­hen” (Lukas 24,17). Sie blei­ben trau­rig ste­hen. Die Trau­er hält sie an. Sie kön­nen nicht ein­fach wei­ter­re­den, als wäre nichts gesche­hen. Die Fra­ge berührt etwas in ihnen. Einer von ihnen, Kleo­pas, ant­wor­tet. Und sei­ne Ant­wort hat etwas Bit­te­res. “Bist du der Ein­zi­ge unter den Frem­den in Jeru­sa­lem, der nicht weiß, was in die­sen Tagen dort gesche­hen ist?” (Lukas 24,18). Bist du der Ein­zi­ge, der es nicht weiß? Jeder weiß es. Jeder in Jeru­sa­lem hat davon gehört. Wie kannst du nicht wis­sen, was gesche­hen ist? Es ist eine Fra­ge, die Fas­sungs­lo­sig­keit aus­drückt. Es ist eine Fra­ge, die sagt: Die Welt ist aus den Fugen gera­ten, und du fragst, was los ist?

Jesus ant­wor­tet mit einer Gegen­fra­ge. “Was denn?” (Lukas 24,19). Was ist denn gesche­hen? Er gibt ihnen Raum. Er lässt sie erzäh­len. Und sie erzäh­len. Sie erzäh­len von Jesus von Naza­reth, “der ein Pro­phet war, mäch­tig in Taten und Wor­ten vor Gott und allem Volk” (Lukas 24,19). Sie erzäh­len, wie die Hohen­prie­ster und Obe­ren ihn zur Todes­stra­fe über­ant­wor­tet und gekreu­zigt haben. Sie erzäh­len von ihrer Hoff­nung: “Wir aber hoff­ten, er sei es, der Isra­el erlö­sen wer­de” (Lukas 24,21). Wir hoff­ten. Ver­gan­gen­heit. Die Hoff­nung ist vor­bei. Die Hoff­nung ist mit Jesus gestor­ben. Sie haben gehofft, aber jetzt ist die Hoff­nung tot. Dann erzäh­len sie von den Frau­en. Von denen, die früh am Mor­gen zum Grab gegan­gen sind und den Leich­nam nicht gefun­den haben. Von der Erschei­nung der Engel, die sagen, er lebe. Sie erzäh­len auch, dass eini­ge zum Grab gegan­gen sind und es leer gefun­den haben, “aber ihn sahen sie nicht” (Lukas 24,24). Das ist der Punkt. Sie sahen ihn nicht. Das Grab ist leer. Die Engel haben gespro­chen. Aber Jesus selbst wur­de nicht gese­hen. Und des­halb bleibt die Unsi­cher­heit. Des­halb bleibt die Trau­er. Des­halb gehen sie nach Emma­us.

Jesus hört ihre Geschich­te. Und dann sagt er etwas, das hart klingt. “O ihr Toren, zu trä­gen Her­zens, all dem zu glau­ben, was die Pro­phe­ten gere­det haben! Muss­te nicht Chri­stus dies erlei­den und in sei­ne Herr­lich­keit ein­ge­hen?” (Lukas 24,25–26). Ihr Toren. Das ist kein Schimpf­wort. Es ist eine Dia­gno­se. Ihr ver­steht nicht. Ihr seht nicht, was vor euch liegt. Ihr seid trä­gen Her­zens. Euer Herz ist zu lang­sam, zu zöger­lich, zu schwer, um zu glau­ben, was die Pro­phe­ten gesagt haben. Muss­te nicht Chri­stus dies erlei­den? War das Lei­den nicht not­wen­dig? War das Kreuz nicht der Weg zur Herr­lich­keit?

Und genau hier spie­gelt sich auch unser eige­nes Christ­sein wider. Wie oft sind wir „trä­gen Her­zens“, nicht weil wir nicht glau­ben wol­len, son­dern weil unser Herz schwer ist. Schwer von Ent­täu­schun­gen. Schwer von uner­füll­ten Erwar­tun­gen. Schwer von fal­schen Vor­stel­lun­gen dar­über, wie Gott han­deln müss­te. Wir ken­nen die Hei­li­gen Schrift, wir hören die Pre­dig­ten, wir spre­chen die Bekennt­nis­se – und doch fällt es uns schwer zu glau­ben, dass der Weg Got­tes oft durch das Lei­den führt. Dass das Kreuz nicht ein Unfall war, son­dern der Weg zur Herr­lich­keit. Dass Chri­stus nicht trotz des Lei­dens erhöht wur­de, son­dern durch das Lei­den hin­durch.

Wir sind nicht anders als die Emma­us­jün­ger: Wir haben unse­re eige­nen Vor­stel­lun­gen davon, wie Jesus han­deln soll­te, und wenn er anders han­delt, ver­ste­hen wir ihn nicht mehr. Wir erwar­ten Sieg – und bekom­men ein Kreuz. Wir erwar­ten Klar­heit – und bekom­men Dun­kel­heit. Wir erwar­ten schnel­le Ant­wor­ten – und bekom­men einen Weg, auf dem Jesus uns beglei­tet, ohne dass wir ihn sofort erken­nen. Doch Jesu Wor­te sind kei­ne Ver­ur­tei­lung. Sie sind eine lie­be­vol­le, aber kla­re Ein­la­dung: Lass dein Herz schnel­ler wer­den. Lass es wie­der glau­ben. Lass es sich öff­nen für das, was Gott wirk­lich gesagt und getan hat – nicht für das, was du dir aus­ge­malt hast. Denn der Weg des Glau­bens führt immer durch das Kreuz zur Herr­lich­keit. Und wer das lernt, des­sen Herz wird leich­ter, des­sen Augen wer­den kla­rer, und des­sen Schrit­te wer­den fester.

Und dann tut Jesus etwas Außer­ge­wöhn­li­ches. “Und er fing an bei Mose und allen Pro­phe­ten und leg­te ihnen aus, was in der gan­zen Schrift von ihm gesagt war” (Lukas 24,27). Er fing an bei Mose. Er ging durch die Pro­phe­ten. Er leg­te ihnen die Hei­li­ge Schrift aus. Er zeig­te ihnen, wie alles auf ihn hin­weist. Wie das Lei­den nicht ein Schei­tern ist, son­dern der Weg. Wie die Herr­lich­keit nicht ohne das Kreuz kommt. Wie Gott in der gan­zen Geschich­te Isra­els dar­auf hin­ge­ar­bei­tet hat, dass der Chri­stus kommt, lei­det, stirbt und auf­er­steht. Das ist kei­ne kur­ze Pre­digt. Das ist eine gründ­li­che Aus­le­gung. Das ist ein Durch­gang durch die Hei­li­ge Schrift, der den bei­den die Augen öff­nen soll.

Aber ihre Augen wer­den noch nicht geöff­net. Sie hören zu. Sie gehen wei­ter. Sie kom­men nahe an das Dorf, wo sie hin­ge­hen wol­len. “Und er stell­te sich, als woll­te er wei­ter­ge­hen” (Lukas 24,28). Er stell­te sich, als woll­te er wei­ter­ge­hen. Das ist bemer­kens­wert. Jesus drängt sich nicht auf. Er geht mit, aber er zwingt sich nicht in ihr Leben hin­ein. Er gibt ihnen die Frei­heit, ihn gehen zu las­sen. Er war­tet dar­auf, dass sie ihn ein­la­den. Und sie laden ihn ein. “Und sie nötig­ten ihn und spra­chen: Blei­be bei uns; denn es will Abend wer­den und der Tag hat sich geneigt” (Lukas 24,29). Blei­be bei uns. Das ist kei­ne höf­li­che Flos­kel. Das ist ein Bit­ten. Das ist ein Fest­hal­ten an dem, was sie gespürt haben. Sie haben sei­ne Aus­le­gung gehört. Sie haben sei­ne Gegen­wart erlebt. Und sie wol­len nicht, dass er geht. Es wird Abend. Der Tag neigt sich. Die Dun­kel­heit kommt. Bleib bei uns. Geh nicht wei­ter. Lass uns nicht allein.

Jesus geht hin­ein. Er bleibt bei ihnen. Und dann geschieht das Ent­schei­den­de. “Und es geschah, als er mit ihnen zu Tisch saß, nahm er das Brot, dank­te, brach’s und gab’s ihnen” (Lukas 24,30). Er nahm das Brot. Er dank­te. Er brach es. Er gab es ihnen. Das sind Wor­te, die an das letz­te Abend­mahl erin­nern. Das sind Gesten, die Jesus getan hat, bevor er gekreu­zigt wur­de. Das sind die Wor­te und Gesten, die die Gemein­de bis heu­te im Abend­mahl voll­zieht. Und in die­sem Moment erken­nen sie ihn. “Da wur­den ihre Augen geöff­net und sie erkann­ten ihn” (Lukas 24,31). Ihre Augen wur­den geöff­net. Nicht durch die Schrift­aus­le­gung. Nicht durch die Wor­te auf dem Weg. Son­dern durch das Brot­bre­chen. Durch die Geste der Gemein­schaft. Durch das, was Jesus immer getan hat, wenn er mit Men­schen zusam­men war: Brot neh­men, dan­ken, bre­chen, geben.

Und genau hier liegt eine Wahr­heit, die wir heu­te neu hören müs­sen: So wich­tig die Schrift­aus­le­gung ist – und sie ist unver­zicht­bar –, noch wich­ti­ger ist das, was Jesus selbst als Zei­chen sei­ner Gegen­wart ein­ge­setzt hat: das hei­li­ge Abend­mahl. Die Emma­us­jün­ger hat­ten eine mei­ster­haf­te Bibel­aus­le­gung gehört, aus­ge­legt vom auf­er­stan­de­nen Chri­stus selbst – und doch erkann­ten sie ihn nicht. Erst als er das Brot nahm, dank­te, brach und ihnen gab, gin­gen ihnen die Augen auf. Nicht, weil das Wort unwich­tig wäre, son­dern weil Chri­stus sich im Brot­bre­chen auf eine Wei­se schenkt, die das Herz erreicht, wo der Ver­stand noch sucht.

Und dar­um ist es so trau­rig, ja schmerz­lich, dass in vie­len evan­ge­li­schen Gemein­den das Abend­mahl nur sel­ten gefei­ert wird. Als wäre es eine Opti­on. Als wäre es ein Zusatz. Als wäre es ein lit­ur­gi­sches Extra, das man gele­gent­lich ein­streu­en kann. Dabei ist es der Ort, an dem Chri­stus sich selbst gibt. Der Ort, an dem er uns stärkt. Der Ort, an dem er uns begeg­net – nicht nur im Hören, son­dern im Emp­fan­gen. Das Abend­mahl ist nicht Bei­werk, son­dern Mit­te. Nicht Erin­ne­rung, son­dern Gegen­wart. Nicht Sym­bol, son­dern Zuspruch: Chri­stus für dich.

Wenn wir das Abend­mahl, die Hei­li­ge Eucha­ri­stie ver­nach­läs­si­gen, ver­nach­läs­si­gen wir nicht eine Tra­di­ti­on, son­dern eine Begeg­nung. Und viel­leicht blei­ben des­halb so vie­le Augen geschlos­sen, so vie­le Her­zen kalt, so vie­le Wege dun­kel. Denn wo Chri­stus das Brot bricht, da gehen Augen auf. Da wird Glau­be leben­dig. Da wird Gemein­schaft erfahr­bar. Da wird der Auf­er­stan­de­ne erkannt.

Und dann ver­schwin­det er. “Und er ver­schwand vor ihnen” (Lukas 24,31). Er ist da, sie erken­nen ihn, und dann ist er weg. Das ist kei­ne Flucht. Das ist kei­ne Täu­schung. Das ist die Art, wie der Auf­er­stan­de­ne gegen­wär­tig ist. Er ist nicht gebun­den an Zeit und Raum. Er ist nicht ein­ge­schlos­sen in die Gren­zen unse­rer Wahr­neh­mung. Er ist da, und dann ist er nicht mehr sicht­bar. Aber er bleibt gegen­wär­tig. Das haben sie gelernt. Und genau das ist für uns heu­te so wich­tig. Der Auf­er­stan­de­ne ist nicht immer sicht­bar, aber er ist immer gegen­wär­tig. Wir erle­ben ihn nicht stän­dig in über­wäl­ti­gen­den Momen­ten, nicht in dau­er­haf­ten Gefüh­len, nicht in unun­ter­bro­che­ner Klar­heit. Manch­mal erken­nen wir ihn – und im näch­sten Moment scheint er wie­der „ver­schwun­den“ zu sein. Doch das bedeu­tet nicht, dass er weg ist. Es bedeu­tet nur, dass sei­ne Gegen­wart nicht an unse­re Wahr­neh­mung gebun­den ist.

Wir leben in einer Zeit, in der vie­le mei­nen, Jesus müs­se stän­dig spür­bar sein, stän­dig erfahr­bar, stän­dig emo­tio­nal prä­sent. Aber der Auf­er­stan­de­ne lehrt uns etwas ande­res: Er ist da, auch wenn wir ihn nicht sehen. Er bleibt, auch wenn wir ihn nicht füh­len. Er beglei­tet uns, auch wenn wir ihn nicht erken­nen. Sei­ne Gegen­wart hängt nicht von unse­rer Wahr­neh­mung ab, son­dern von sei­ner Treue.

Das ist die Lek­ti­on der Emma­us­jün­ger – und sie ist für uns heu­te unver­zicht­bar: Chri­stus ist gegen­wär­tig, auch wenn er ver­bor­gen ist. Sei­ne Unsicht­bar­keit ist kein Zei­chen sei­ner Abwe­sen­heit, son­dern Aus­druck sei­ner neu­en, auf­er­stan­de­nen Wirk­lich­keit. Wir müs­sen ihn nicht fest­hal­ten, um sicher zu sein. Wir müs­sen ihn nicht sehen, um zu glau­ben. Wir dür­fen wis­sen: Er geht mit uns – auf jedem Weg, in jeder Dun­kel­heit, durch jeden Zwei­fel hin­durch. Und immer wie­der wird er unse­re Augen öff­nen, damit wir erken­nen, was längst wahr ist: Der Herr lebt – und er ist bei uns.

Sie spre­chen mit­ein­an­der. Sie erin­nern sich an den Weg. “Brann­te nicht unser Herz in uns, als er mit uns rede­te auf dem Wege und uns die Schrift öff­ne­te?” (Lukas 24,32). Brann­te nicht unser Herz? Das Herz hat gebrannt. Das Herz hat gespürt, dass da mehr ist. Das Herz hat reagiert auf die Wor­te, auch wenn die Augen noch nicht gese­hen haben. Das ist wich­tig. Der Glau­be beginnt manch­mal im Her­zen, bevor der Ver­stand begreift. Das Herz brennt, bevor die Augen sehen. Das ist kei­ne Schwä­che. Das ist die Art, wie Gott wirkt.

Und dann tun sie etwas Erstaun­li­ches. “Und sie stan­den auf zu der­sel­ben Stun­de, kehr­ten zurück nach Jeru­sa­lem” (Lukas 24,33). Zu der­sel­ben Stun­de. Nicht am näch­sten Mor­gen. Nicht nach einer Nacht der Besin­nung. Son­dern sofort. Sie ste­hen auf. Sie keh­ren um. Sie gehen zurück nach Jeru­sa­lem. Zurück zu dem Ort, von dem sie geflo­hen sind. Zurück zu den Jün­gern. Zurück zur Gemein­schaft. Die Begeg­nung mit dem Auf­er­stan­de­nen hat sie ver­än­dert. Sie kön­nen nicht in Emma­us blei­ben. Sie müs­sen zurück. Sie müs­sen erzäh­len, was sie erlebt haben.

In Jeru­sa­lem fin­den sie die Elf ver­sam­melt und die bei ihnen waren. Und bevor sie selbst erzäh­len kön­nen, hören sie: “Der Herr ist wahr­haf­tig auf­er­stan­den und Simon erschie­nen” (Lukas 24,34). Der Herr ist auf­er­stan­den. Das ist nicht mehr nur eine Ver­mu­tung. Das ist nicht mehr nur ein lee­res Grab. Das ist Gewiss­heit. Jesus ist Simon erschie­nen. Petrus hat ihn gese­hen. Und jetzt erzäh­len die bei­den von Emma­us ihre Geschich­te. Sie erzäh­len, “was auf dem Wege gesche­hen war und wie er von ihnen erkannt wur­de, als er das Brot brach” (Lukas 24,35). Wie er erkannt wur­de beim Brot­bre­chen. Das ist der Kern. Das ist der Moment der Offen­ba­rung. Jesus wird erkannt in der Gemein­schaft, im Bre­chen des Bro­tes, in der Geste, die er immer getan hat und die sei­ne Gemein­de bis heu­te tut.

Was bedeu­tet die­se Geschich­te für uns? Sie bedeu­tet, dass Jesus oft uner­kannt neben uns geht. Dass er da ist, auch wenn wir ihn nicht sehen. Dass er mit uns geht, auch wenn wir auf dem Weg nach Emma­us sind, auf dem Weg weg von der Hoff­nung, weg von der Gemein­schaft, weg von dem, was wir nicht mehr ertra­gen kön­nen. Jesus geht mit. Er lässt uns nicht allein. Aber er war­tet dar­auf, dass wir ihn ein­la­den. Blei­be bei uns. Das ist das Gebet, das er erhört. Das ist die Ein­la­dung, die er annimmt. Die bei­den von Emma­us haben Jesus in der Hei­li­gen Schrift gehört. Ihr Herz hat gebrannt. Aber erkannt haben sie ihn beim Brot­bre­chen. Das sagt uns etwas über das Abend­mahl. Es ist nicht nur ein Sym­bol. Es ist nicht nur eine Erin­ne­rung. Es ist der Ort, wo Chri­stus sich zu erken­nen gibt. Wo er gegen­wär­tig ist. Wo unse­re Augen geöff­net wer­den. Wo wir sehen, wer mit uns gegan­gen ist, auch wenn wir es nicht wuss­ten.

Chri­stus ist auf­er­stan­den. Er geht mit uns. Auch auf den Wegen, die wir lie­ber nicht gehen wür­den. Auch in der Trau­er. Auch in der Ent­täu­schung. Auch wenn unse­re Hoff­nung gestor­ben zu sein scheint. Er geht mit. Er legt uns die Hei­li­ge Schrift aus. Er lässt unser Herz bren­nen. Und wenn wir ihn ein­la­den, bricht er das Brot und öff­net unse­re Augen. Dann erken­nen wir: Er war die gan­ze Zeit da. Und er bleibt. Nicht sicht­bar wie auf dem Weg nach Emma­us. Aber gegen­wär­tig. Im Wort. Im Brot. In der Gemein­schaft derer, die sei­nen Namen tra­gen.

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