Wenn die Kirche schweigt: Glaube, Freiheit und Würde! Meinungsfreiheit; Religionsfreiheit; Kunstfreiheit: Ist alles erlaubt?
Wir leben in einer Zeit, in der die Meinungsfreiheit als hohes Gut gilt. Sie ist verankert in unserem Grundgesetz, sie wird verteidigt, sie wird beschworen. Und doch geschieht etwas Merkwürdiges: Während fast jede Überzeugung, jede Weltanschauung, jede Lebensform ihren geschützten Raum beanspruchen darf, scheint der christliche Glaube zunehmend zum Freiwild öffentlicher Verspottung zu werden. Es ist nicht die sachliche Kritik, nicht die ehrliche Auseinandersetzung, die hier gemeint ist. Es ist die gezielte Herabsetzung, die bewusste Verhöhnung dessen, was Millionen Menschen in diesem Land heilig ist.
Deutschland war über Jahrhunderte vom christlichen Glauben geprägt. Die Dome, die Klöster, die Universitäten, die sozialen Einrichtungen, sie alle erzählen von einer Zeit, in der der Glaube an Jesus Christus das Leben der Menschen durchdrang und formte. Es war keine perfekte Zeit, keine idealisierte Vergangenheit. Aber es war eine Zeit, in der das Evangelium Raum hatte, in der Christus verkündigt wurde, in der die Kirche eine Stimme war im öffentlichen Raum. Heute scheint diese Stimme leiser geworden zu sein. Und während andere ihre Rechte vehement einfordern, während andere für ihre Überzeugungen auf die Straße gehen, während andere lautstark Respekt verlangen, schweigt die Kirche oft.
Dieses Schweigen ist nicht neu. Schon in der Apostelgeschichte lesen wir von Momenten, in denen die ersten Christen unter Druck gerieten, in denen sie bedroht wurden, in denen man ihnen verbot, im Namen Jesu zu reden. Petrus und Johannes antworteten damals: “Urteilt selbst, ob es vor Gott recht ist, dass wir euch mehr gehorchen als Gott. Wir können’s ja nicht lassen, von dem zu reden, was wir gesehen und gehört haben” (Apostelgeschichte 4,19–20). Hier wird etwas Grundlegendes sichtbar: Der Glaube an Jesus Christus ist kein privates Hobby, keine unverbindliche Innerlichkeit. Er ist Zeugnis, er ist Bekenntnis, er ist öffentliche Wirklichkeit.
Wenn heute in Talkshows, in Kabarettsendungen, in Kunstinstallationen christliche Symbole verspottet werden, wenn das Kreuz zum Material billiger Witze wird, wenn die Passion Christi zur Groteske verkommt, dann geschieht mehr als nur eine Geschmacklosigkeit. Es geschieht eine Verletzung der Würde derer, die an diesen Christus glauben. Und es geschieht eine Missachtung dessen, der am Kreuz für uns gestorben ist. Man mag einwenden, dass die Kunstfreiheit das deckt. Man mag sagen, dass wir in einer pluralistischen Gesellschaft leben. Aber Freiheit endet dort, wo die Würde des anderen beginnt. Und die Würde des Glaubens ist keine geringere als die Würde jeder anderen Überzeugung.
Doch heute sieht das anders aus: In vielen gesellschaftlichen Debatten entsteht der Eindruck, dass man den christlichen Glauben ungestraft herabsetzen darf, während andere weltanschauliche oder kulturelle Überzeugungen (Gender-Ideologie, Geschlechtervielfalt, LGBTQ-Ideologie) unter einem besonderen Schutz stehen. Wer sich kritisch zu bestimmten zeitgenössischen Ideologien äußert – etwa zur Frage der Geschlechtervielfalt –, muss mit öffentlicher Empörung, sozialen Sanktionen oder sogar juristischen Konsequenzen rechnen. Gleichzeitig wird die Verspottung von Jesus, Kirche und christlichem Glauben häufig mit dem Hinweis auf Meinungsfreiheit oder Kunstfreiheit abgetan. Dass Gläubige sich dadurch verletzt fühlen, gilt dann nicht als schützenswert, sondern als überempfindlich oder rückständig.
So entsteht ein Ungleichgewicht: Kritik an bestimmten gesellschaftlichen Strömungen wird schnell als diskriminierend eingestuft; Herabsetzung christlicher Symbole hingegen wird als legitimer Ausdruck kultureller Freiheit verteidigt. Damit wird eine doppelte Norm geschaffen, die weder dem Geist der Gleichbehandlung noch dem Respekt vor religiöser Überzeugung entspricht. Eine pluralistische Gesellschaft lebt aber davon, dass alle Weltanschauungen – auch der christliche Glaube – mit derselben Sensibilität behandelt werden.
Der Apostel Paulus schreibt an die Gemeinde in Rom: “Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben, die Juden zuerst und ebenso die Griechen” (Römer 1,16). Dieses Bekenntnis ist radikal in seiner Klarheit. Paulus hätte allen Grund gehabt, sich zurückzuhalten. Er schrieb an eine Gemeinde im Zentrum des römischen Reiches, in einer Stadt, in der das Christentum belächelt, verachtet oder verfolgt wurde. Und doch schämte er sich nicht. Er bekannte sich offen zu dem, was ihm das Leben bedeutete: Jesus Christus, der Gekreuzigte und Auferstandene.
Wo ist dieses unerschrockene Bekenntnis heute? Wo ist die Kirche, die aufsteht und sagt: Bis hierher und nicht weiter? Wo sind die Bischöfe, die Pfarrer, die Gemeindemitglieder, die ihre Stimme erheben, wenn der Glaube öffentlich in den Schmutz gezogen wird? Es ist nicht Aufgabe der Kirche, kulturkämpferisch zu agieren oder mit erhobener Faust Forderungen zu stellen. Aber es ist ihre Aufgabe, zu bezeugen. Es ist ihre Aufgabe, zu schützen, was ihr anvertraut ist. Es ist ihre Aufgabe, für die Würde Christi einzustehen.
Vielleicht liegt das Schweigen daran, dass die Kirche selbst unsicher geworden ist. Dass sie nicht mehr weiß, wer sie ist und was sie zu sagen hat. Dass sie sich angepasst hat an den Zeitgeist, dass sie gefallen will, dass sie Angst hat vor Widerspruch. Vielleicht liegt es daran, dass sie vergessen hat, dass ihre Kraft nicht in der Zustimmung der Welt liegt, sondern in der Treue zu ihrem Herrn. Jesus selbst sagte zu seinen Jüngern: “Wenn euch die Welt hasst, so wisst, dass sie mich vor euch gehasst hat. Wäret ihr von der Welt, so hätte die Welt das Ihre lieb. Weil ihr aber nicht von der Welt seid, sondern ich euch aus der Welt erwählt habe, darum hasst euch die Welt” (Johannes 15,18–19). Dies ist keine Aufforderung zur Feindschaft. Aber es ist eine Ermutigung zur Klarheit. Es ist eine Erinnerung daran, dass der Glaube an Christus immer auch Widerspruch erfahren wird.
Es geht nicht darum, andere Überzeugungen herabzusetzen. Es geht nicht darum, die Religionsfreiheit anderer einzuschränken. Es geht darum, dass auch der christliche Glaube den Respekt verdient, den jede andere Weltanschauung selbstverständlich einfordert. Es geht darum, dass die Kirche ihre Stimme wiederfindet, wiederfinden muss! Nicht laut, nicht aggressiv, aber klar und unüberhörbar! Nicht verletzend, aber aufrichtig. Nicht herrschsüchtig, aber selbstbewusst im besten Sinne des Wortes: im Bewusstsein dessen, was sie ist, nämlich der Leib Christi in dieser Welt.
Wenn ein Kruzifix im Museum beschmiert wird, wenn eine Darstellung der Kreuzigung zur Karikatur gemacht wird, wenn Christus als lächerliche Figur präsentiert wird, dann ist das nicht nur eine ästhetische Frage. Es ist eine geistliche Frage. Es berührt das Herz dessen, was wir glauben. Und es verlangt nach einer Antwort. Nicht nach einer Antwort der Empörung, nicht nach einer Antwort der Vergeltung, aber nach einer Antwort der Klarheit. Die Kirche muss sagen: Das ist unser Herr. Das ist der, dem wir unser Leben verdanken. Das ist der, der uns liebt, der für uns starb, der uns erlöst hat. Und wir können nicht schweigen, wenn er verachtet wird.
Wir können uns als Christen nicht für allerlei Freiheit und Ideologien einsetzen, für mehr Toleranz predigen, für Menschenrechte eintreten und gesellschaftliche Vielfalt begrüßen – und gleichzeitig die Herabwürdigung unseres Glaubens, unseres Kreuzes, unseres Herrn schweigend hinnehmen oder uns sogar daran beteiligen. Wer für Freiheit eintritt, muss sie auch für den eigenen Glauben beanspruchen dürfen. Wer Toleranz fordert, darf nicht zulassen, dass die eigene Überzeugung zur Zielscheibe wird. Und wer Respekt einfordert, muss auch den Mut haben, Respekt für das einzufordern, was ihm heilig ist. Christliche Nächstenliebe bedeutet nicht Selbstverleugnung im Sinne eines Schweigens, wenn Christus verspottet wird. Sie bedeutet, in Liebe, aber mit Klarheit zu sagen: Das Kreuz ist kein Spielzeug. Es ist das Zentrum unseres Glaubens und das Zeichen unserer Erlösung.
Petrus schreibt in seinem ersten Brief: “Seid allezeit bereit zur Verantwortung gegenüber jedermann, der Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist, aber mit Sanftmut und Ehrerbietung” (1. Petrus 3,15). Hier wird ein Weg gezeigt, wie das Bekenntnis aussehen kann. Es ist nicht aggressiv, aber es ist da. Es ist nicht selbstgerecht, aber es ist klar. Es geschieht mit Sanftmut, aber nicht mit Feigheit. Es geschieht mit Ehrerbietung, aber nicht mit Unterwürfigkeit.
Und doch bedeutet dieses Wort auch: Wir dürfen nicht schweigen. Wir müssen den Mund aufmachen, wenn der Glaube verspottet wird. Wir müssen unsere Stimme erheben, wenn Christus in den Schmutz gezogen wird. Wir müssen Petitionen einreichen, Stellungnahmen verfassen, öffentlich widersprechen und alle rechtlich und gesellschaftlich möglichen Wege nutzen, um für unseren Glauben einzutreten. Nicht im Geist der Wut, sondern im Geist der Wahrheit. Nicht aus verletztem Stolz, sondern aus Liebe zu dem, der uns zuerst geliebt hat. Denn es gibt Momente, in denen ein klares „Stopp“ notwendig ist. Momente, in denen wir sagen müssen: So geht es nicht. Nicht, weil wir Macht suchen, sondern weil wir Christus ehren wollen. Nicht, weil wir anderen etwas verbieten wollen, sondern weil wir nicht zulassen können, dass das Heiligste, was wir haben, zur bloßen Provokation degradiert wird. Ein Christ schweigt nicht aus Angst. Ein Christ redet aus Hoffnung. Und diese Hoffnung hat eine Stimme.
Religionsfreiheit gilt nicht nur für bestimmte Weltanschauungen, sondern auch für das Christentum. Sie ist kein Privileg einzelner Gruppen, sondern ein Grundrecht, das allen zusteht – auch denen, die an Christus glauben und sein Kreuz ehren. Und Religionsfreiheit ist keine Selbstverständlichkeit. Sie muss, gerade in diesen Zeiten, neu verteidigt, neu erklärt, neu eingefordert werden. Wenn wir als Christen für Freiheit, Toleranz und Menschenwürde eintreten, dann dürfen wir nicht gleichzeitig schweigen, wenn die Würde unseres eigenen Glaubens verletzt wird. Wir können nicht für die Freiheit anderer kämpfen und die eigene preisgeben. Wer das Kreuz liebt, darf nicht tatenlos zusehen, wenn es verächtlich gemacht wird. Darum braucht es unsere Stimme – sanft, aber bestimmt; respektvoll, aber unmissverständlich; friedlich, aber klar.
Religionsfreiheit, Meinungsfreiheit und Kunstfreiheit bedeuten nicht, dass alles erlaubt ist. Freiheit ist kein Freibrief zur Verachtung. Sie ist kein Deckmantel für die Herabsetzung des Glaubens anderer. Jede Freiheit lebt von Grenzen, die die Würde des Menschen schützen – und dazu gehört auch die Würde des Glaubens. Wo Freiheit zur Verletzung wird, verliert sie ihren Sinn. Wo Kunst zur Demütigung wird, verliert sie ihre Größe. Und wo Meinungsfreiheit zur Herabsetzung des Heiligen missbraucht wird, verliert sie ihre moralische Grundlage. Darum dürfen wir als Christen sagen: Freiheit ja – aber nicht auf Kosten dessen, was uns heilig ist.
Die Kirche in Deutschland steht vor einer Entscheidung. Sie kann weiter schweigen, weiter dulden, weiter hinnehmen. Oder sie kann ihre Stimme wiederfinden. Sie kann aufstehen und sagen: Wir sind hier. Wir glauben an Jesus Christus. Und dieser Glaube ist uns heilig. Nicht, weil wir bessere Menschen wären. Nicht, weil wir ohne Schuld wären. Sondern weil Christus der ist, der er ist: der Sohn Gottes, der Erlöser der Welt, die Hoffnung der Menschheit. Es ist keine Frage von Macht. Es ist eine Frage von Treue. Es ist keine Frage von Dominanz. Es ist eine Frage von Zeugnis. Und dieses Zeugnis schulden wir nicht nur uns selbst, nicht nur der Gesellschaft, sondern vor allem ihm: Jesus Christus, dem wir unser Leben verdanken und dem wir folgen, auch wenn der Weg steinig wird.