10 Gebote Gottes

Zwischen Anbetung und Abgötterei!

Zwischen Anbetung und Abgötterei!

“Du sollst dir kein Bild­nis machen und keine ande­ren Mächte ver­eh­ren oder ihnen die­nen.” (Mose 20,4–6; 5. Mose 5,8–10)

Es gibt eine Sehn­sucht im Men­schen, Gott zu erfas­sen, ihn greif­bar zu machen, ihn zu sehen. Wir wol­len nicht im Nebel tas­ten, nicht im Dun­keln glau­ben. Wir wol­len Gewiss­heit, Klar­heit, etwas, das wir vor Augen haben kön­nen. Diese Sehn­sucht ist nicht ver­werf­lich. Sie ist zutiefst mensch­lich. Aber genau in diese Sehn­sucht hin­ein spricht das zweite Gebot: “Du sollst dir kein Bild­nis noch irgend­ein Gleich­nis machen, weder von dem, was oben im Him­mel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Was­ser unter der Erde ist: Bete sie nicht an und diene ihnen nicht” (2. Mose 20,4–5). Es ist ein Gebot, das uns vor einer tie­fen Gefahr schützt, einer Gefahr, die gerade dort lau­ert, wo wir mei­nen, Gott beson­ders nahe zu sein.

Das Bild­nis, von dem hier die Rede ist, meint zunächst das geschnitzte oder gegos­sene Göt­ter­bild, wie es in den anti­ken Kul­tu­ren üblich war. Die Völ­ker rings um Israel hat­ten ihre Göt­ter­sta­tuen, ihre hei­li­gen Figu­ren, ihre sicht­ba­ren Reprä­sen­ta­tio­nen des Gött­li­chen. Man konnte sie anfas­sen, schmü­cken, vor ihnen nie­der­fal­len. Es gab einen Ort, an dem die Gott­heit gewis­ser­ma­ßen wohnte, einen Ort, den man auf­su­chen, an dem man opfern konnte. Das gab Sicher­heit. Man wusste, wo man Gott fin­den konnte.

Israel wurde in eine andere Rich­tung geru­fen. Der Gott, der sich Mose am bren­nen­den Dorn­busch offen­barte, der Gott, der sein Volk aus Ägyp­ten führte, die­ser Gott ließ sich nicht ein­fan­gen in Holz oder Stein. Er war da, ohne dass man ihn sehen konnte. Er sprach, ohne dass man sein Gesicht schaute. Am Sinai hörte das Volk seine Stimme aus Feuer und Wolke, aber nie­mand sah seine Gestalt. Mose selbst, der Gott näher kam als irgend­ein ande­rer Mensch, durfte Got­tes Ange­sicht nicht sehen. “Mein Ange­sicht kannst du nicht sehen, denn kein Mensch wird leben, der mich sieht” (2. Mose 33,20). Gott zeigte ihm seine Herr­lich­keit von hin­ten, im Vor­über­ge­hen, aber nicht von Ange­sicht zu Ange­sicht. Got­tes Unsicht­bar­keit ist keine Schwä­che, son­dern Aus­druck sei­ner Frei­heit. Er lässt sich nicht fest­hal­ten an einem Ort, nicht her­bei­zwin­gen auf Abruf, nicht mani­pu­lie­ren durch reli­giöse Tech­ni­ken. Das zweite Gebot schützt genau diese Frei­heit Got­tes. Es erin­nert uns daran: Gott über­steigt jede Vor­stel­lung, die du dir von ihm machst.

Jedes Bild, das du dir formst, bleibt klei­ner als er. Jede Vor­stel­lung, die du dir zurecht­legst, engt ihn ein. Und sobald du beginnst, das Bild zu ver­eh­ren statt den leben­di­gen Gott, ver­ehrst du nicht mehr ihn; son­dern nur noch die Pro­jek­tion dei­ner eige­nen Wün­sche und Ängste.

Das ist die tiefe Gefahr der Bil­der. Sie geben uns das Gefühl, Gott zu haben, ihn ver­stan­den zu haben, ihn fest­hal­ten zu kön­nen. Aber in Wahr­heit haben wir dann nur noch unser eige­nes Kon­strukt. Das gol­dene Kalb, das Israel in der Wüste errich­tete, war nicht als Ersatz für den HERRN gedacht. Das Volk sagte nicht: Wir wol­len einen ande­ren Gott. Sie sag­ten: “Das ist dein Gott, Israel, der dich aus Ägyp­ten­land geführt hat” (2. Mose 32,4). Sie woll­ten den HERRN anbe­ten, aber sie woll­ten ihn sicht­bar haben, greif­bar, ver­füg­bar. Das Kalb sollte den unsicht­ba­ren Gott reprä­sen­tie­ren. Aber genau darin lag der Abfall. Sie hat­ten Gott zu dem gemacht, was sie ver­ste­hen konn­ten, zu dem, was in ihr Welt­bild passte, zu dem, was sie kon­trol­lie­ren konn­ten.

Wir leben nicht mehr in einer Zeit, in der Men­schen gol­dene Käl­ber gie­ßen. Aber wir leben in einer Zeit, in der wir stän­dig Bil­der von Gott machen. Wir for­men ihn nach unse­ren Vor­stel­lun­gen, nach unse­ren Wün­schen, nach unse­ren Bedürf­nis­sen. Da ist der Gott, der immer nett ist, der nie for­dert, der nie stört, der nur seg­net und bestä­tigt: der Gott der Liebe, der aus­schließ­lich liebt, der nichts ver­langt, keine Buße, keine Umkehr, der mich nie infrage stellt und mich immer so lässt, wie ich bin. Ein Gott, der alles bil­ligt, weil er angeb­lich nichts ande­res kann als lieb sein. Und dane­ben steht der Gott, der nur trös­tet, aber nie kon­fron­tiert. Der Gott, der meine Wun­den salbt, aber nie meine Sün­den benennt. Der Gott, der mich umarmt, aber nie ver­wan­delt. Ein Gott, der mich beru­higt, aber nicht erneu­ert. Oder der Gott, der meine Spi­ri­tua­li­tät zum Well­ness­pro­gramm macht: ein Gott für innere Balance, für gute Gefühle, für see­li­sche Hygiene. Ein Gott, der mich ent­spannt, aber nicht her­aus­for­dert. Ein Gott, der mich zen­triert, aber nicht sen­det.

Und schließ­lich der Gott, der meine Über­zeu­gun­gen spie­gelt: der Gott, der so denkt wie ich, der so emp­fin­det wie ich, der meine Sicht der Dinge bestä­tigt. Ein Gott, der erstaun­lich oft mei­ner Stimme gleicht – und erstaun­lich sel­ten der Stimme der Hei­li­gen Schrift. Doch all diese Göt­ter haben eines gemein­sam: Sie sind klein. Sie sind hand­lich. Sie sind ver­füg­bar. Sie sind Pro­jek­tio­nen.

Das zweite Gebot stellt sich genau gegen diese Ver­su­chung. Es ruft uns zurück zu dem Gott, der grö­ßer ist als unsere Wün­sche, grö­ßer als unsere Bil­der, grö­ßer als unsere Bedürf­nisse. Ein Gott, der frei ist; frei von unse­ren Erwar­tun­gen, frei von unse­ren Kate­go­rien, frei von unse­ren Kon­struk­tio­nen. Und gerade diese Frei­heit Got­tes ist unser Heil: Denn nur ein Gott, der uns wider­spre­chen darf, kann uns auch ver­wan­deln. Nur ein Gott, der uns infrage stellt, kann uns erneu­ern. Nur ein Gott, der grö­ßer ist als unsere Bil­der, kann uns ret­ten.

Da ist der Gott, der unsere poli­ti­schen Über­zeu­gun­gen teilt, der selbst­ver­ständ­lich auf unse­rer Seite steht, der unsere Geg­ner ver­ur­teilt und unsere Agenda hei­ligt. Ein Gott, der erstaun­lich oft so denkt wie wir, so fühlt wie wir, so wählt wie wir. Ein Gott, der unsere Empö­rung bestä­tigt und unsere Feind­bil­der sta­bi­li­siert. Doch ein sol­cher Gott ist nicht der leben­dige Gott der Hei­li­gen Schrift, son­dern ein Spie­gel­bild unse­rer eige­nen Über­zeu­gun­gen. Ein Gott, der immer „für uns“ und „gegen die ande­ren“ ist, ist kein Gott mehr, son­dern ein Werk­zeug unse­rer Iden­ti­täts­po­li­tik. Er for­dert uns nicht her­aus, er wider­spricht uns nicht, er ruft uns nicht zur Umkehr – er bestä­tigt nur, was wir ohne­hin schon dach­ten.

Das zweite Gebot schützt uns genau vor die­ser Ver­su­chung. Es erin­nert uns daran, dass Gott nicht in unse­ren poli­ti­schen Kate­go­rien auf­geht. Er ist weder die Ver­län­ge­rung unse­rer Ideo­lo­gien noch der Garant unse­rer mora­li­schen Selbst­ge­wiss­heit. Gott ist frei; frei von unse­ren Pro­jek­tio­nen, frei von unse­ren Lagern, frei von unse­ren Loya­li­tä­ten. Und gerade diese Frei­heit Got­tes ist unsere Hoff­nung: Denn nur ein Gott, der grö­ßer ist als unsere Über­zeu­gun­gen, kann uns kor­ri­gie­ren, hei­len, ver­söh­nen und ver­än­dern.

Da ist der Gott, der ein the­ra­peu­ti­scher Beglei­ter ist, der uns hilft, uns bes­ser zu füh­len, der unsere Stim­mung hebt, unsere Selbst­zwei­fel beru­higt, unsere Wun­den strei­chelt; aber der nie wirk­lich in unser Leben ein­grei­fen darf. Ein Gott, der uns emo­tio­nal unter­stützt, aber uns nie zur Hei­li­gung her­aus­for­dert. Da ist der Gott, der streng und unbarm­her­zig ist, der jeden Feh­ler bestraft, der nur Leis­tung sieht und keine Gnade kennt. Ein Gott, der uns stän­dig beob­ach­tet, stän­dig bewer­tet, stän­dig misst – und der uns nie wirk­lich liebt, son­dern nur tole­riert, solange wir funk­tio­nie­ren. Ein Gott, der uns klein macht, statt uns auf­zu­rich­ten.

Und da ist der Gott, der sich in unsere reli­giö­sen Sys­teme ein­fügt: der Gott, der unsere Tra­di­tio­nen bestä­tigt, unsere Fröm­mig­keits­stile hei­ligt, unsere lit­ur­gi­schen Vor­lie­ben legi­ti­miert. Ein Gott, der so sehr in unse­ren For­men auf­geht, dass wir ihn kaum noch von unse­ren Gewohn­hei­ten unter­schei­den kön­nen. Oder der Gott, der unser per­sön­li­ches Erfolgs­kon­zept stützt: der Gott, der uns Wohl­stand ver­spricht, der unsere Pläne seg­net, der unsere Träume garan­tiert. Ein Gott, der uns nicht in die Nach­folge ruft, son­dern in die Selbst­ver­wirk­li­chung. Und schließ­lich der Gott, der uns mora­lisch über­höht: der Gott, der uns recht gibt, der unsere Tugend­haf­tig­keit bestä­tigt, der uns auf die Seite der „Guten“ stellt. Ein Gott, der uns erlaubt, auf andere her­ab­zu­se­hen, weil wir ja „auf sei­ner Seite“ ste­hen.

Doch all diese Göt­ter haben eines gemein­sam: Sie sind Pro­jek­tio­nen. Sie sind mensch­li­che Pro­jek­tio­nen. Sie sind klei­ner als wir. Sie sind hand­lich, kon­trol­lier­bar, ver­füg­bar. Sie for­dern uns nicht her­aus, sie wider­spre­chen uns nicht, sie ver­wan­deln uns nicht. Das zweite Gebot ent­larvt diese Göt­ter­bil­der. Es ruft uns zurück zu dem Gott, der grö­ßer ist als unsere Wün­sche, grö­ßer als unsere Ängste, grö­ßer als unsere Sys­teme. Ein Gott, der frei ist; frei von unse­ren selbst­ge­mach­ten Pro­jek­tio­nen, frei von unse­ren Kate­go­rien, frei von unse­ren Kon­struk­tio­nen. Und gerade diese Frei­heit Got­tes ist unsere Ret­tung. Denn nur ein Gott, der nicht in unsere Bil­der passt, kann uns aus unse­ren Bil­dern befreien. Nur ein Gott, der uns wider­spre­chen darf, kann uns erneu­ern. Nur ein Gott, der grö­ßer ist als wir, kann uns erlö­sen.

In all den Göt­tern, die wir auf­ge­zählt haben, geht es im zwei­ten Gebot. Es geht nicht nur um Figu­ren aus Holz oder Stein, nicht nur um Hei­li­gen­an­be­tun­gen, Reli­quien, Kno­chen oder Bil­der an Kir­chen­wän­den. Das alles sind nur die sicht­ba­ren For­men. Die eigent­li­che Gefahr liegt viel tie­fer. Sie sitzt in unse­ren Köp­fen, in unse­rem Den­ken, in unse­rem Her­zen. Dort ent­ste­hen die Göt­zen­bil­der: leise, sub­til, oft unbe­merkt. Dort for­men wir uns einen Gott, der zu uns passt, der uns nicht wider­spricht, der unsere Wün­sche bestä­tigt und unsere Ängste beru­higt. Die Göt­zen unse­rer Zeit sind nicht äußer­lich – sie sind inner­lich. Und gerade des­halb sind sie so gefähr­lich. All diese Got­tes­bil­der sind Kon­struk­tio­nen. Sie ent­ste­hen nicht aus der Offen­ba­rung Got­tes, son­dern aus unse­ren Pro­jek­tio­nen. Wir neh­men Teile der bibli­schen Bot­schaft und ver­grö­ßern sie, bis sie das Ganze ver­de­cken. Oder wir neh­men unsere Erfah­run­gen, unsere Ver­let­zun­gen, unsere Prä­gun­gen und malen dar­aus ein Bild von Gott, das mit dem leben­di­gen Gott wenig zu tun hat. Das zweite Gebot warnt uns davor. Es sagt: Pass auf, dass du nicht anfängst, deine Vor­stel­lung von Gott anzu­be­ten statt Gott selbst.

Und davor sind selbst die bibel­treu­es­ten Chris­ten nicht gefeit – im Gegen­teil. Gerade dort, wo man sich beson­ders sicher fühlt, „nur der Schrift“ zu fol­gen, ent­steht oft ein neues, sub­ti­le­res Göt­zen­bild: das Got­tes­bild der eige­nen theo­lo­gi­schen Kon­struk­tion. Man hält an Sys­te­men fest, an Denk­sche­mata, an Lehr­ge­bäu­den, die irgend­wann wich­ti­ger wer­den als der leben­dige Gott selbst. Man ver­tei­digt nicht mehr Gott, son­dern das eigene Ver­ständ­nis von ihm. Und ohne es zu mer­ken, betet man nicht mehr den Gott der Bibel an, son­dern den Gott der eige­nen Aus­le­gung.

Die refor­ma­to­ri­sche Theo­lo­gie hat das klar erkannt. Wir kön­nen Gott nicht aus uns selbst her­aus erken­nen. Wir kön­nen uns nicht zu ihm hin­auf­den­ken. Mar­tin Luther sprach vom ver­bor­ge­nen Gott, dem Deus abs­con­ditus, der in sei­ner Majes­tät und Hei­lig­keit für uns unzu­gäng­lich ist. Wenn wir ver­su­chen, die­sen Gott mit unse­rem Ver­stand zu erfas­sen, ver­ir­ren wir uns. Wir bauen Gedan­ken­ge­bäude, die uns am Ende erdrü­cken oder in die Irre füh­ren. Aber Gott hat sich offen­bart. Er hat sich gezeigt, nicht in einem Bild, das wir machen, son­dern in einem Bild, das er selbst gibt. “Chris­tus ist das Eben­bild des unsicht­ba­ren Got­tes” (Kolos­ser 1,15).

Hier liegt der ent­schei­dende Unter­schied. Das zweite Gebot ver­bie­tet uns, Bil­der von Gott zu machen. Bil­der in äuße­ren For­men und Bil­der in unse­ren Köp­fen und Her­zen. Aber Gott selbst hat uns ein Bild gege­ben: Jesus Chris­tus. Nicht ein geschnitz­tes Bild, nicht eine Vor­stel­lung, nicht eine Idee, son­dern eine Per­son. Ein Leben, das gelebt wurde. Worte, die gespro­chen wur­den. Taten, die voll­bracht wur­den. Lei­den, das ertra­gen wurde. Tod, der gestor­ben wurde. Auf­er­ste­hung, die geschenkt wurde. In Jesus sehen wir, wer Gott ist. Nicht alles, aber genug. Nicht seine ganze uner­mess­li­che Herr­lich­keit, aber seine Liebe, seine Gnade, seine Gerech­tig­keit, sei­nen Wil­len. “Wer mich sieht, der sieht den Vater” (Johan­nes 14,9).

Und auch hier besteht eine große Gefahr: all die Jesus­bil­der, die wir uns aus­ma­len – in unse­ren Köp­fen, in unse­ren Her­zen, in unse­ren Fröm­mig­keits­sti­len. Bil­der davon, wie Jesus „sein muss“, wie er zu reden hätte, wie er zu füh­len hätte, wie er han­deln sollte. Und erst recht die unzäh­li­gen KI‑Bilder von Jesus, die uns weis­ma­chen wol­len, wie er aus­ge­se­hen haben könnte. All diese Bil­der ver­füh­ren uns. Sie geben uns das Gefühl, Jesus „in der Hand“ zu haben, ihn zu ken­nen, ihn zu defi­nie­ren. Und wir pos­ten sie täg­lich, liken sie, tei­len sie – und mer­ken nicht, wie sie sich in unsere Vor­stel­lung schlei­chen und unser Herz for­men. Doch auch diese Bil­der sind Pro­jek­tio­nen. Sie zei­gen nicht den leben­di­gen Chris­tus, son­dern unsere Sehn­süchte, unsere kul­tu­rel­len Prä­gun­gen, unsere Ästhe­tik. Und wenn wir nicht wach­sam sind, begin­nen wir, das Bild zu ver­eh­ren statt den Herrn selbst.

Das ist die christ­li­che Ant­wort auf das zweite Gebot. Wir beten keine selbst­ge­mach­ten Bil­der an. Wir beten den an, der sich selbst offen­bart hat. Wir rich­ten unser Leben nicht an unse­ren Got­tes­vor­stel­lun­gen aus, son­dern an dem, was Jesus uns über Gott gezeigt hat. Das ist eine demü­tige Hal­tung. Sie sagt: Ich muss Gott nicht ver­ste­hen. Ich muss nicht alle Fra­gen beant­wor­ten kön­nen. Ich muss nicht ein voll­stän­di­ges Sys­tem haben. Ich brau­che keine per­fekte Theo­lo­gie. Ich brau­che nur Chris­tus. In ihm sehe ich genug, um ihm zu ver­trauen, ihm zu fol­gen, ihn anzu­be­ten.

Und es genügt die Hei­lige Schrift. Denn in ihr hat Gott sich offen­bart – nicht in unse­ren Spe­ku­la­tio­nen, nicht in unse­ren Gefüh­len, nicht in unse­ren kul­tu­rel­len Bil­dern, son­dern in sei­nem Wort. Die Hei­lige Schrift ist nicht ein wei­te­res Men­schen­bild von Gott, son­dern Got­tes eige­nes Zeug­nis über sich selbst. Sie führt uns zu Chris­tus, sie bewahrt uns vor unse­ren Pro­jek­tio­nen, sie hält uns nahe an dem Gott, der sich in sei­nem Sohn gezeigt hat. Darum genügt sie: nicht als Wis­sens­spei­cher, son­dern als leben­dige Stimme, die uns zu dem führt, der das wahre Bild Got­tes ist.

Aber auch hier lau­ert eine Gefahr. Auch Jesus kann zum Idol wer­den, wenn wir ihn nach unse­rem Bild for­men. Es gibt den sanf­ten Jesus, der nur von Liebe spricht und nie kon­fron­tiert. Es gibt den revo­lu­tio­nä­ren Jesus, der nur soziale Gerech­tig­keit for­dert. Es gibt den from­men Jesus, der nur reli­giöse Übun­gen lehrt. Es gibt den apo­ka­lyp­ti­schen Jesus, der nur Gericht pre­digt. All diese Jesus-Bil­der sind Reduk­tio­nen; oft auch theo­lo­gi­sche Kon­strukte. Sie neh­men einen Aspekt sei­ner Bot­schaft und machen dar­aus das Ganze. Sie sind Ver­su­che, Jesus über­schau­bar zu machen, ihn in unsere Kate­go­rien zu pres­sen, ihn für unsere Zwe­cke zu ver­ein­nah­men.

Das zweite Gebot ruft uns auf, immer wie­der zu den Quel­len zurück­zu­keh­ren. Zu den Evan­ge­lien, zu den Apos­teln, zu dem Zeug­nis der Hei­li­gen Schrift. Nicht um Buch­sta­ben anzu­be­ten, son­dern um dem zu begeg­nen, von dem die Buch­sta­ben Zeug­nis geben. “Ihr sucht in der Schrift, denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin; und sie ist’s, die von mir zeugt; aber ihr wollt nicht zu mir kom­men, dass ihr das Leben hät­tet” (Johan­nes 5,39–40). Die Bibel ist nicht selbst Gott, aber sie zeigt uns Gott. Sie kor­ri­giert unsere Vor­stel­lun­gen, sie erwei­tert unse­ren Hori­zont, sie kon­fron­tiert uns mit dem, was wir lie­ber aus­blen­den wür­den.

In unse­rer Bil­der­welt ist das zwei­ter Gebot aktu­el­ler denn je. Wir leben in einer Kul­tur, die von Bil­dern über­flu­tet wird. Wir sind stän­dig dabei, Bil­der zu kon­su­mie­ren, zu pro­du­zie­ren, zu tei­len. Auch reli­giöse Bil­der. Auch Got­tes­bil­der. Social Media ist voll von Zita­ten, Sprü­chen, Memes, die ein bestimm­tes Got­tes­bild trans­por­tie­ren. Oft sind es tröst­li­che Worte, ermu­ti­gende Sätze, schöne Gedan­ken. Aber sie sind frag­men­ta­risch. Sie zei­gen einen Aus­schnitt, nicht das Ganze. Und wenn wir uns nur von sol­chen Frag­men­ten ernäh­ren, bauen wir uns unbe­wusst einen Gott nach unse­rem Geschmack. Einen Gott, der uns gefällt, der uns bestä­tigt, der uns nie her­aus­for­dert. Das zweite Gebot lädt uns ein, kri­tisch zu blei­ben. Nicht zynisch, nicht miss­trau­isch, aber wach­sam. Es fragt uns: Ist das wirk­lich Gott, den du da anbe­test, oder ist es ein Bild, das du dir gemacht hast? Ist das wirk­lich Jesus, dem du folgst, oder ist es eine Ver­sion von ihm, die dir ange­nehm ist? Diese Fra­gen sind unbe­quem, aber sie sind not­wen­dig. Sie schüt­zen uns vor dem Selbst­be­trug, vor der Illu­sion, dass wir Gott ver­stan­den haben, dass wir ihn im Griff haben.

Die Kir­chen­ge­schichte ist voll von Bei­spie­len, wo die­ses Gebot miss­ach­tet wurde. Nicht nur in der Ver­eh­rung von Sta­tuen oder Iko­nen, die manch­mal zur Abgöt­te­rei wurde, son­dern auch in der Abso­lut­set­zung von Theo­lo­gien, von Tra­di­tio­nen, von kirch­li­chen Struk­tu­ren. Immer dann, wenn Men­schen mein­ten, Gott in ein Sys­tem packen zu kön­nen, wenn sie ihre Vor­stel­lung von Gott mit Gott selbst gleich­setz­ten, wenn sie andere ver­ur­teil­ten oder ver­folg­ten im Namen die­ses Got­tes­bil­des, dann wurde das zweite Gebot gebro­chen. Dann wurde aus Anbe­tung Abgöt­te­rei. Die Refor­ma­tion war auch ein Auf­stand gegen sol­che Ver­ab­so­lu­tie­run­gen. Luther und die ande­ren Refor­ma­to­ren rie­fen die Kir­che zurück zu Chris­tus, zu der Hei­li­gen Schrift, zu der Gnade. Sie durch­bra­chen Sys­teme, die Men­schen in Knecht­schaft hiel­ten, reli­giöse Bil­der, die Angst mach­ten statt Frei­heit zu schen­ken. Sie sag­ten: Gott ist grö­ßer als eure Tra­di­tio­nen, grö­ßer als eure Struk­tu­ren, grö­ßer als eure theo­lo­gi­schen Kon­strukte. Kehrt zurück zu dem, was er selbst gesagt hat. Hört auf, euch Bil­der zu machen, die euch ver­skla­ven.

Aber auch die refor­ma­to­ri­sche Tra­di­tion ist nicht immun gegen diese Gefahr. Auch hier gibt es die Ver­su­chung, bestimmte Leh­ren, bestimmte Bekennt­nisse, bestimmte Prak­ti­ken abso­lut zu set­zen. Auch hier kann aus dem leben­di­gen Glau­ben ein star­res Sys­tem wer­den. Auch hier kön­nen Got­tes­bil­der ent­ste­hen, die mehr mit der eige­nen Tra­di­tion als mit der bibli­schen Offen­ba­rung zu tun haben. Das zweite Gebot ist eine stän­dige Mah­nung zur Demut. Es sagt: Bleib offen. Bleib lern­be­reit. Bleib kor­ri­gier­bar. Denn Gott ist immer grö­ßer als das, was du von ihm ver­stan­den hast.

Es gibt eine gesunde Form der Bil­der­lo­sig­keit. Eine Form des Glau­bens, die damit leben kann, dass vie­les im Dun­keln bleibt, dass viele Fra­gen offen blei­ben, dass Gott nicht in klare Kate­go­rien passt. Hiob musste das ler­nen. Er rang mit Gott, er stellte Fra­gen, er for­derte Ant­wor­ten. Und am Ende bekam er keine Erklä­rung für sein Lei­den, keine theo­lo­gi­sche Lösung, keine befrie­di­gende Ant­wort. Er bekam eine Begeg­nung mit Gott selbst. Und das genügte. “Ich hatte von dir nur vom Hören­sa­gen ver­nom­men; aber nun hat mein Auge dich gese­hen” (Hiob 42,5). Nicht ein Bild, nicht eine Vor­stel­lung, son­dern eine Begeg­nung. Das ist es, was zählt. Das zweite Gebot ruft uns in diese Hal­tung. Es sagt: Mach dir keine Bil­der, son­dern lass dich beschen­ken mit Begeg­nung. Bete nicht deine Theo­lo­gie an, son­dern den leben­di­gen Gott. Diene nicht dei­nen Vor­stel­lun­gen, son­dern dem, der sich dir zeigt. Ver­traue nicht auf dein Ver­ständ­nis, son­dern auf seine Treue. “Ver­lass dich auf den HERRN von gan­zem Her­zen, und ver­lass dich nicht auf dei­nen Ver­stand” (Sprü­che 3,5).

Das ist Frei­heit. Nicht die Frei­heit, zu glau­ben, was wir wol­len, son­dern die Frei­heit von der Last, Gott defi­nie­ren zu müs­sen. Die Frei­heit, klein zu sein vor dem Gro­ßen, unwis­send zu sein vor dem All­wis­sen­den, emp­fan­gend zu sein vor dem Geben­den. Das zweite Gebot ist ein Schutz­ge­bot. Es schützt Got­tes Majes­tät, aber es schützt auch uns. Es bewahrt uns davor, unsere Ener­gie an selbst­ge­machte Göt­zen­bil­der zu ver­schwen­den, an Kon­strukte, die uns nicht ret­ten kön­nen, an Vor­stel­lun­gen, die zu klein sind, um unser Leben zu tra­gen.

In Chris­tus erfüllt sich die­ses Gebot auf wun­der­bare Weise. Er ist das Bild, das wir nicht gemacht haben, son­dern das uns geschenkt wurde. Er ist die Offen­ba­rung, die nicht aus uns kommt, son­dern zu uns kommt. Und wer ihn ansieht, sieht nicht nur ein Bild, son­dern das Ori­gi­nal. Nicht eine Reprä­sen­ta­tion, son­dern die Wirk­lich­keit selbst. “In ihm wohnt die ganze Fülle der Gott­heit leib­haf­tig” (Kolos­ser 2,9). Das ist das Geheim­nis der Mensch­wer­dung. Gott wird sicht­bar, ohne auf­zu­hö­ren, Gott zu sein. Er kommt nahe, ohne seine Hei­lig­keit zu ver­lie­ren. Er lässt sich erfas­sen, ohne sich ver­füg­bar zu machen. Viel­leicht ist die wich­tigste Übung, die das zweite Gebot von uns for­dert, die Übung des Los­las­sens. Los­zu­las­sen von unse­ren Sicher­hei­ten, von unse­ren Gewiss­hei­ten, von unse­ren fer­ti­gen Ant­wor­ten. Nicht im Sinne eines Rela­ti­vis­mus, der alles für gleich gül­tig oder gleich ungül­tig hält, son­dern im Sinne einer tie­fen Ehr­furcht vor dem Geheim­nis Got­tes. Wir dür­fen wis­sen, aber wir müs­sen nicht alles wis­sen. Wir dür­fen Gott begeg­nen, aber wir kön­nen ihn nicht besit­zen. Wir dür­fen von ihm spre­chen, aber wir soll­ten nie ver­ges­sen, dass unsere Worte stets zu kurz grei­fen.

Das zweite Gebot ist eine Ein­la­dung zur Anbe­tung, zur ech­ten Anbe­tung. Nicht zur Anbe­tung unse­rer Got­tes­bil­der, son­dern zur Anbe­tung des­sen, der über allen Bil­dern steht. Zur Anbe­tung im Geist und in der Wahr­heit, wie Jesus es genannt hat (Johan­nes 4,24). Einer Anbe­tung, die nicht an Orte gebun­den ist, nicht an For­men, nicht an Vor­stel­lun­gen, son­dern die aus dem Her­zen kommt, das sich dem leben­di­gen Gott öff­net, so wie er ist, nicht wie wir ihn gerne hät­ten.

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