“Du sollst dir kein Bildnis machen und keine anderen Mächte verehren oder ihnen dienen.” (Mose 20,4–6; 5. Mose 5,8–10)
Es gibt eine Sehnsucht im Menschen, Gott zu erfassen, ihn greifbar zu machen, ihn zu sehen. Wir wollen nicht im Nebel tasten, nicht im Dunkeln glauben. Wir wollen Gewissheit, Klarheit, etwas, das wir vor Augen haben können. Diese Sehnsucht ist nicht verwerflich. Sie ist zutiefst menschlich. Aber genau in diese Sehnsucht hinein spricht das zweite Gebot: “Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: Bete sie nicht an und diene ihnen nicht” (2. Mose 20,4–5). Es ist ein Gebot, das uns vor einer tiefen Gefahr schützt, einer Gefahr, die gerade dort lauert, wo wir meinen, Gott besonders nahe zu sein.
Das Bildnis, von dem hier die Rede ist, meint zunächst das geschnitzte oder gegossene Götterbild, wie es in den antiken Kulturen üblich war. Die Völker rings um Israel hatten ihre Götterstatuen, ihre heiligen Figuren, ihre sichtbaren Repräsentationen des Göttlichen. Man konnte sie anfassen, schmücken, vor ihnen niederfallen. Es gab einen Ort, an dem die Gottheit gewissermaßen wohnte, einen Ort, den man aufsuchen, an dem man opfern konnte. Das gab Sicherheit. Man wusste, wo man Gott finden konnte.
Israel wurde in eine andere Richtung gerufen. Der Gott, der sich Mose am brennenden Dornbusch offenbarte, der Gott, der sein Volk aus Ägypten führte, dieser Gott ließ sich nicht einfangen in Holz oder Stein. Er war da, ohne dass man ihn sehen konnte. Er sprach, ohne dass man sein Gesicht schaute. Am Sinai hörte das Volk seine Stimme aus Feuer und Wolke, aber niemand sah seine Gestalt. Mose selbst, der Gott näher kam als irgendein anderer Mensch, durfte Gottes Angesicht nicht sehen. “Mein Angesicht kannst du nicht sehen, denn kein Mensch wird leben, der mich sieht” (2. Mose 33,20). Gott zeigte ihm seine Herrlichkeit von hinten, im Vorübergehen, aber nicht von Angesicht zu Angesicht. Gottes Unsichtbarkeit ist keine Schwäche, sondern Ausdruck seiner Freiheit. Er lässt sich nicht festhalten an einem Ort, nicht herbeizwingen auf Abruf, nicht manipulieren durch religiöse Techniken. Das zweite Gebot schützt genau diese Freiheit Gottes. Es erinnert uns daran: Gott übersteigt jede Vorstellung, die du dir von ihm machst.
Jedes Bild, das du dir formst, bleibt kleiner als er. Jede Vorstellung, die du dir zurechtlegst, engt ihn ein. Und sobald du beginnst, das Bild zu verehren statt den lebendigen Gott, verehrst du nicht mehr ihn; sondern nur noch die Projektion deiner eigenen Wünsche und Ängste.
Das ist die tiefe Gefahr der Bilder. Sie geben uns das Gefühl, Gott zu haben, ihn verstanden zu haben, ihn festhalten zu können. Aber in Wahrheit haben wir dann nur noch unser eigenes Konstrukt. Das goldene Kalb, das Israel in der Wüste errichtete, war nicht als Ersatz für den HERRN gedacht. Das Volk sagte nicht: Wir wollen einen anderen Gott. Sie sagten: “Das ist dein Gott, Israel, der dich aus Ägyptenland geführt hat” (2. Mose 32,4). Sie wollten den HERRN anbeten, aber sie wollten ihn sichtbar haben, greifbar, verfügbar. Das Kalb sollte den unsichtbaren Gott repräsentieren. Aber genau darin lag der Abfall. Sie hatten Gott zu dem gemacht, was sie verstehen konnten, zu dem, was in ihr Weltbild passte, zu dem, was sie kontrollieren konnten.
Wir leben nicht mehr in einer Zeit, in der Menschen goldene Kälber gießen. Aber wir leben in einer Zeit, in der wir ständig Bilder von Gott machen. Wir formen ihn nach unseren Vorstellungen, nach unseren Wünschen, nach unseren Bedürfnissen. Da ist der Gott, der immer nett ist, der nie fordert, der nie stört, der nur segnet und bestätigt: der Gott der Liebe, der ausschließlich liebt, der nichts verlangt, keine Buße, keine Umkehr, der mich nie infrage stellt und mich immer so lässt, wie ich bin. Ein Gott, der alles billigt, weil er angeblich nichts anderes kann als lieb sein. Und daneben steht der Gott, der nur tröstet, aber nie konfrontiert. Der Gott, der meine Wunden salbt, aber nie meine Sünden benennt. Der Gott, der mich umarmt, aber nie verwandelt. Ein Gott, der mich beruhigt, aber nicht erneuert. Oder der Gott, der meine Spiritualität zum Wellnessprogramm macht: ein Gott für innere Balance, für gute Gefühle, für seelische Hygiene. Ein Gott, der mich entspannt, aber nicht herausfordert. Ein Gott, der mich zentriert, aber nicht sendet.
Und schließlich der Gott, der meine Überzeugungen spiegelt: der Gott, der so denkt wie ich, der so empfindet wie ich, der meine Sicht der Dinge bestätigt. Ein Gott, der erstaunlich oft meiner Stimme gleicht – und erstaunlich selten der Stimme der Heiligen Schrift. Doch all diese Götter haben eines gemeinsam: Sie sind klein. Sie sind handlich. Sie sind verfügbar. Sie sind Projektionen.
Das zweite Gebot stellt sich genau gegen diese Versuchung. Es ruft uns zurück zu dem Gott, der größer ist als unsere Wünsche, größer als unsere Bilder, größer als unsere Bedürfnisse. Ein Gott, der frei ist; frei von unseren Erwartungen, frei von unseren Kategorien, frei von unseren Konstruktionen. Und gerade diese Freiheit Gottes ist unser Heil: Denn nur ein Gott, der uns widersprechen darf, kann uns auch verwandeln. Nur ein Gott, der uns infrage stellt, kann uns erneuern. Nur ein Gott, der größer ist als unsere Bilder, kann uns retten.
Da ist der Gott, der unsere politischen Überzeugungen teilt, der selbstverständlich auf unserer Seite steht, der unsere Gegner verurteilt und unsere Agenda heiligt. Ein Gott, der erstaunlich oft so denkt wie wir, so fühlt wie wir, so wählt wie wir. Ein Gott, der unsere Empörung bestätigt und unsere Feindbilder stabilisiert. Doch ein solcher Gott ist nicht der lebendige Gott der Heiligen Schrift, sondern ein Spiegelbild unserer eigenen Überzeugungen. Ein Gott, der immer „für uns“ und „gegen die anderen“ ist, ist kein Gott mehr, sondern ein Werkzeug unserer Identitätspolitik. Er fordert uns nicht heraus, er widerspricht uns nicht, er ruft uns nicht zur Umkehr – er bestätigt nur, was wir ohnehin schon dachten.
Das zweite Gebot schützt uns genau vor dieser Versuchung. Es erinnert uns daran, dass Gott nicht in unseren politischen Kategorien aufgeht. Er ist weder die Verlängerung unserer Ideologien noch der Garant unserer moralischen Selbstgewissheit. Gott ist frei; frei von unseren Projektionen, frei von unseren Lagern, frei von unseren Loyalitäten. Und gerade diese Freiheit Gottes ist unsere Hoffnung: Denn nur ein Gott, der größer ist als unsere Überzeugungen, kann uns korrigieren, heilen, versöhnen und verändern.
Da ist der Gott, der ein therapeutischer Begleiter ist, der uns hilft, uns besser zu fühlen, der unsere Stimmung hebt, unsere Selbstzweifel beruhigt, unsere Wunden streichelt; aber der nie wirklich in unser Leben eingreifen darf. Ein Gott, der uns emotional unterstützt, aber uns nie zur Heiligung herausfordert. Da ist der Gott, der streng und unbarmherzig ist, der jeden Fehler bestraft, der nur Leistung sieht und keine Gnade kennt. Ein Gott, der uns ständig beobachtet, ständig bewertet, ständig misst – und der uns nie wirklich liebt, sondern nur toleriert, solange wir funktionieren. Ein Gott, der uns klein macht, statt uns aufzurichten.
Und da ist der Gott, der sich in unsere religiösen Systeme einfügt: der Gott, der unsere Traditionen bestätigt, unsere Frömmigkeitsstile heiligt, unsere liturgischen Vorlieben legitimiert. Ein Gott, der so sehr in unseren Formen aufgeht, dass wir ihn kaum noch von unseren Gewohnheiten unterscheiden können. Oder der Gott, der unser persönliches Erfolgskonzept stützt: der Gott, der uns Wohlstand verspricht, der unsere Pläne segnet, der unsere Träume garantiert. Ein Gott, der uns nicht in die Nachfolge ruft, sondern in die Selbstverwirklichung. Und schließlich der Gott, der uns moralisch überhöht: der Gott, der uns recht gibt, der unsere Tugendhaftigkeit bestätigt, der uns auf die Seite der „Guten“ stellt. Ein Gott, der uns erlaubt, auf andere herabzusehen, weil wir ja „auf seiner Seite“ stehen.
Doch all diese Götter haben eines gemeinsam: Sie sind Projektionen. Sie sind menschliche Projektionen. Sie sind kleiner als wir. Sie sind handlich, kontrollierbar, verfügbar. Sie fordern uns nicht heraus, sie widersprechen uns nicht, sie verwandeln uns nicht. Das zweite Gebot entlarvt diese Götterbilder. Es ruft uns zurück zu dem Gott, der größer ist als unsere Wünsche, größer als unsere Ängste, größer als unsere Systeme. Ein Gott, der frei ist; frei von unseren selbstgemachten Projektionen, frei von unseren Kategorien, frei von unseren Konstruktionen. Und gerade diese Freiheit Gottes ist unsere Rettung. Denn nur ein Gott, der nicht in unsere Bilder passt, kann uns aus unseren Bildern befreien. Nur ein Gott, der uns widersprechen darf, kann uns erneuern. Nur ein Gott, der größer ist als wir, kann uns erlösen.
In all den Göttern, die wir aufgezählt haben, geht es im zweiten Gebot. Es geht nicht nur um Figuren aus Holz oder Stein, nicht nur um Heiligenanbetungen, Reliquien, Knochen oder Bilder an Kirchenwänden. Das alles sind nur die sichtbaren Formen. Die eigentliche Gefahr liegt viel tiefer. Sie sitzt in unseren Köpfen, in unserem Denken, in unserem Herzen. Dort entstehen die Götzenbilder: leise, subtil, oft unbemerkt. Dort formen wir uns einen Gott, der zu uns passt, der uns nicht widerspricht, der unsere Wünsche bestätigt und unsere Ängste beruhigt. Die Götzen unserer Zeit sind nicht äußerlich – sie sind innerlich. Und gerade deshalb sind sie so gefährlich. All diese Gottesbilder sind Konstruktionen. Sie entstehen nicht aus der Offenbarung Gottes, sondern aus unseren Projektionen. Wir nehmen Teile der biblischen Botschaft und vergrößern sie, bis sie das Ganze verdecken. Oder wir nehmen unsere Erfahrungen, unsere Verletzungen, unsere Prägungen und malen daraus ein Bild von Gott, das mit dem lebendigen Gott wenig zu tun hat. Das zweite Gebot warnt uns davor. Es sagt: Pass auf, dass du nicht anfängst, deine Vorstellung von Gott anzubeten statt Gott selbst.
Und davor sind selbst die bibeltreuesten Christen nicht gefeit – im Gegenteil. Gerade dort, wo man sich besonders sicher fühlt, „nur der Schrift“ zu folgen, entsteht oft ein neues, subtileres Götzenbild: das Gottesbild der eigenen theologischen Konstruktion. Man hält an Systemen fest, an Denkschemata, an Lehrgebäuden, die irgendwann wichtiger werden als der lebendige Gott selbst. Man verteidigt nicht mehr Gott, sondern das eigene Verständnis von ihm. Und ohne es zu merken, betet man nicht mehr den Gott der Bibel an, sondern den Gott der eigenen Auslegung.
Die reformatorische Theologie hat das klar erkannt. Wir können Gott nicht aus uns selbst heraus erkennen. Wir können uns nicht zu ihm hinaufdenken. Martin Luther sprach vom verborgenen Gott, dem Deus absconditus, der in seiner Majestät und Heiligkeit für uns unzugänglich ist. Wenn wir versuchen, diesen Gott mit unserem Verstand zu erfassen, verirren wir uns. Wir bauen Gedankengebäude, die uns am Ende erdrücken oder in die Irre führen. Aber Gott hat sich offenbart. Er hat sich gezeigt, nicht in einem Bild, das wir machen, sondern in einem Bild, das er selbst gibt. “Christus ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes” (Kolosser 1,15).
Hier liegt der entscheidende Unterschied. Das zweite Gebot verbietet uns, Bilder von Gott zu machen. Bilder in äußeren Formen und Bilder in unseren Köpfen und Herzen. Aber Gott selbst hat uns ein Bild gegeben: Jesus Christus. Nicht ein geschnitztes Bild, nicht eine Vorstellung, nicht eine Idee, sondern eine Person. Ein Leben, das gelebt wurde. Worte, die gesprochen wurden. Taten, die vollbracht wurden. Leiden, das ertragen wurde. Tod, der gestorben wurde. Auferstehung, die geschenkt wurde. In Jesus sehen wir, wer Gott ist. Nicht alles, aber genug. Nicht seine ganze unermessliche Herrlichkeit, aber seine Liebe, seine Gnade, seine Gerechtigkeit, seinen Willen. “Wer mich sieht, der sieht den Vater” (Johannes 14,9).
Und auch hier besteht eine große Gefahr: all die Jesusbilder, die wir uns ausmalen – in unseren Köpfen, in unseren Herzen, in unseren Frömmigkeitsstilen. Bilder davon, wie Jesus „sein muss“, wie er zu reden hätte, wie er zu fühlen hätte, wie er handeln sollte. Und erst recht die unzähligen KI‑Bilder von Jesus, die uns weismachen wollen, wie er ausgesehen haben könnte. All diese Bilder verführen uns. Sie geben uns das Gefühl, Jesus „in der Hand“ zu haben, ihn zu kennen, ihn zu definieren. Und wir posten sie täglich, liken sie, teilen sie – und merken nicht, wie sie sich in unsere Vorstellung schleichen und unser Herz formen. Doch auch diese Bilder sind Projektionen. Sie zeigen nicht den lebendigen Christus, sondern unsere Sehnsüchte, unsere kulturellen Prägungen, unsere Ästhetik. Und wenn wir nicht wachsam sind, beginnen wir, das Bild zu verehren statt den Herrn selbst.
Das ist die christliche Antwort auf das zweite Gebot. Wir beten keine selbstgemachten Bilder an. Wir beten den an, der sich selbst offenbart hat. Wir richten unser Leben nicht an unseren Gottesvorstellungen aus, sondern an dem, was Jesus uns über Gott gezeigt hat. Das ist eine demütige Haltung. Sie sagt: Ich muss Gott nicht verstehen. Ich muss nicht alle Fragen beantworten können. Ich muss nicht ein vollständiges System haben. Ich brauche keine perfekte Theologie. Ich brauche nur Christus. In ihm sehe ich genug, um ihm zu vertrauen, ihm zu folgen, ihn anzubeten.
Und es genügt die Heilige Schrift. Denn in ihr hat Gott sich offenbart – nicht in unseren Spekulationen, nicht in unseren Gefühlen, nicht in unseren kulturellen Bildern, sondern in seinem Wort. Die Heilige Schrift ist nicht ein weiteres Menschenbild von Gott, sondern Gottes eigenes Zeugnis über sich selbst. Sie führt uns zu Christus, sie bewahrt uns vor unseren Projektionen, sie hält uns nahe an dem Gott, der sich in seinem Sohn gezeigt hat. Darum genügt sie: nicht als Wissensspeicher, sondern als lebendige Stimme, die uns zu dem führt, der das wahre Bild Gottes ist.
Aber auch hier lauert eine Gefahr. Auch Jesus kann zum Idol werden, wenn wir ihn nach unserem Bild formen. Es gibt den sanften Jesus, der nur von Liebe spricht und nie konfrontiert. Es gibt den revolutionären Jesus, der nur soziale Gerechtigkeit fordert. Es gibt den frommen Jesus, der nur religiöse Übungen lehrt. Es gibt den apokalyptischen Jesus, der nur Gericht predigt. All diese Jesus-Bilder sind Reduktionen; oft auch theologische Konstrukte. Sie nehmen einen Aspekt seiner Botschaft und machen daraus das Ganze. Sie sind Versuche, Jesus überschaubar zu machen, ihn in unsere Kategorien zu pressen, ihn für unsere Zwecke zu vereinnahmen.
Das zweite Gebot ruft uns auf, immer wieder zu den Quellen zurückzukehren. Zu den Evangelien, zu den Aposteln, zu dem Zeugnis der Heiligen Schrift. Nicht um Buchstaben anzubeten, sondern um dem zu begegnen, von dem die Buchstaben Zeugnis geben. “Ihr sucht in der Schrift, denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin; und sie ist’s, die von mir zeugt; aber ihr wollt nicht zu mir kommen, dass ihr das Leben hättet” (Johannes 5,39–40). Die Bibel ist nicht selbst Gott, aber sie zeigt uns Gott. Sie korrigiert unsere Vorstellungen, sie erweitert unseren Horizont, sie konfrontiert uns mit dem, was wir lieber ausblenden würden.
In unserer Bilderwelt ist das zweiter Gebot aktueller denn je. Wir leben in einer Kultur, die von Bildern überflutet wird. Wir sind ständig dabei, Bilder zu konsumieren, zu produzieren, zu teilen. Auch religiöse Bilder. Auch Gottesbilder. Social Media ist voll von Zitaten, Sprüchen, Memes, die ein bestimmtes Gottesbild transportieren. Oft sind es tröstliche Worte, ermutigende Sätze, schöne Gedanken. Aber sie sind fragmentarisch. Sie zeigen einen Ausschnitt, nicht das Ganze. Und wenn wir uns nur von solchen Fragmenten ernähren, bauen wir uns unbewusst einen Gott nach unserem Geschmack. Einen Gott, der uns gefällt, der uns bestätigt, der uns nie herausfordert. Das zweite Gebot lädt uns ein, kritisch zu bleiben. Nicht zynisch, nicht misstrauisch, aber wachsam. Es fragt uns: Ist das wirklich Gott, den du da anbetest, oder ist es ein Bild, das du dir gemacht hast? Ist das wirklich Jesus, dem du folgst, oder ist es eine Version von ihm, die dir angenehm ist? Diese Fragen sind unbequem, aber sie sind notwendig. Sie schützen uns vor dem Selbstbetrug, vor der Illusion, dass wir Gott verstanden haben, dass wir ihn im Griff haben.
Die Kirchengeschichte ist voll von Beispielen, wo dieses Gebot missachtet wurde. Nicht nur in der Verehrung von Statuen oder Ikonen, die manchmal zur Abgötterei wurde, sondern auch in der Absolutsetzung von Theologien, von Traditionen, von kirchlichen Strukturen. Immer dann, wenn Menschen meinten, Gott in ein System packen zu können, wenn sie ihre Vorstellung von Gott mit Gott selbst gleichsetzten, wenn sie andere verurteilten oder verfolgten im Namen dieses Gottesbildes, dann wurde das zweite Gebot gebrochen. Dann wurde aus Anbetung Abgötterei. Die Reformation war auch ein Aufstand gegen solche Verabsolutierungen. Luther und die anderen Reformatoren riefen die Kirche zurück zu Christus, zu der Heiligen Schrift, zu der Gnade. Sie durchbrachen Systeme, die Menschen in Knechtschaft hielten, religiöse Bilder, die Angst machten statt Freiheit zu schenken. Sie sagten: Gott ist größer als eure Traditionen, größer als eure Strukturen, größer als eure theologischen Konstrukte. Kehrt zurück zu dem, was er selbst gesagt hat. Hört auf, euch Bilder zu machen, die euch versklaven.
Aber auch die reformatorische Tradition ist nicht immun gegen diese Gefahr. Auch hier gibt es die Versuchung, bestimmte Lehren, bestimmte Bekenntnisse, bestimmte Praktiken absolut zu setzen. Auch hier kann aus dem lebendigen Glauben ein starres System werden. Auch hier können Gottesbilder entstehen, die mehr mit der eigenen Tradition als mit der biblischen Offenbarung zu tun haben. Das zweite Gebot ist eine ständige Mahnung zur Demut. Es sagt: Bleib offen. Bleib lernbereit. Bleib korrigierbar. Denn Gott ist immer größer als das, was du von ihm verstanden hast.
Es gibt eine gesunde Form der Bilderlosigkeit. Eine Form des Glaubens, die damit leben kann, dass vieles im Dunkeln bleibt, dass viele Fragen offen bleiben, dass Gott nicht in klare Kategorien passt. Hiob musste das lernen. Er rang mit Gott, er stellte Fragen, er forderte Antworten. Und am Ende bekam er keine Erklärung für sein Leiden, keine theologische Lösung, keine befriedigende Antwort. Er bekam eine Begegnung mit Gott selbst. Und das genügte. “Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehen” (Hiob 42,5). Nicht ein Bild, nicht eine Vorstellung, sondern eine Begegnung. Das ist es, was zählt. Das zweite Gebot ruft uns in diese Haltung. Es sagt: Mach dir keine Bilder, sondern lass dich beschenken mit Begegnung. Bete nicht deine Theologie an, sondern den lebendigen Gott. Diene nicht deinen Vorstellungen, sondern dem, der sich dir zeigt. Vertraue nicht auf dein Verständnis, sondern auf seine Treue. “Verlass dich auf den HERRN von ganzem Herzen, und verlass dich nicht auf deinen Verstand” (Sprüche 3,5).
Das ist Freiheit. Nicht die Freiheit, zu glauben, was wir wollen, sondern die Freiheit von der Last, Gott definieren zu müssen. Die Freiheit, klein zu sein vor dem Großen, unwissend zu sein vor dem Allwissenden, empfangend zu sein vor dem Gebenden. Das zweite Gebot ist ein Schutzgebot. Es schützt Gottes Majestät, aber es schützt auch uns. Es bewahrt uns davor, unsere Energie an selbstgemachte Götzenbilder zu verschwenden, an Konstrukte, die uns nicht retten können, an Vorstellungen, die zu klein sind, um unser Leben zu tragen.
In Christus erfüllt sich dieses Gebot auf wunderbare Weise. Er ist das Bild, das wir nicht gemacht haben, sondern das uns geschenkt wurde. Er ist die Offenbarung, die nicht aus uns kommt, sondern zu uns kommt. Und wer ihn ansieht, sieht nicht nur ein Bild, sondern das Original. Nicht eine Repräsentation, sondern die Wirklichkeit selbst. “In ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig” (Kolosser 2,9). Das ist das Geheimnis der Menschwerdung. Gott wird sichtbar, ohne aufzuhören, Gott zu sein. Er kommt nahe, ohne seine Heiligkeit zu verlieren. Er lässt sich erfassen, ohne sich verfügbar zu machen. Vielleicht ist die wichtigste Übung, die das zweite Gebot von uns fordert, die Übung des Loslassens. Loszulassen von unseren Sicherheiten, von unseren Gewissheiten, von unseren fertigen Antworten. Nicht im Sinne eines Relativismus, der alles für gleich gültig oder gleich ungültig hält, sondern im Sinne einer tiefen Ehrfurcht vor dem Geheimnis Gottes. Wir dürfen wissen, aber wir müssen nicht alles wissen. Wir dürfen Gott begegnen, aber wir können ihn nicht besitzen. Wir dürfen von ihm sprechen, aber wir sollten nie vergessen, dass unsere Worte stets zu kurz greifen.
Das zweite Gebot ist eine Einladung zur Anbetung, zur echten Anbetung. Nicht zur Anbetung unserer Gottesbilder, sondern zur Anbetung dessen, der über allen Bildern steht. Zur Anbetung im Geist und in der Wahrheit, wie Jesus es genannt hat (Johannes 4,24). Einer Anbetung, die nicht an Orte gebunden ist, nicht an Formen, nicht an Vorstellungen, sondern die aus dem Herzen kommt, das sich dem lebendigen Gott öffnet, so wie er ist, nicht wie wir ihn gerne hätten.
