Wie unter­schei­det sich der Mensch zwi­schen dem eige­nen Wil­len und der tat­säch­li­chen Füh­rung durch den Hei­li­gen Geist? Die­se Fra­ge gehört zu den schwie­rig­sten und gleich­zei­tig wich­tig­sten im Leben eines Chri­sten. Wie erken­ne ich, ob das, was ich den­ke oder füh­le, von Gott kommt oder nur mein eige­ner Wunsch ist? Wie unter­schei­de ich zwi­schen mei­ner Stim­me und der Stim­me des Hei­li­gen Gei­stes? Es wäre ein­fach, wenn Gott immer auf dra­ma­ti­sche Wei­se spre­chen wür­de, durch Visio­nen, durch Engel, durch eine hör­ba­re Stim­me. Aber mei­stens geschieht sei­ne Füh­rung lei­ser, sub­ti­ler, und gera­de des­halb ist Unter­schei­dungs­ver­mö­gen nötig.

Zunächst ein­mal: Der Hei­li­ge Geist führt nie im Wider­spruch zur Hei­li­gen Schrift. Das ist das erste und wich­tig­ste Kri­te­ri­um. Pau­lus schreibt: „Denn alle Schrift, von Gott ein­ge­ge­ben, ist nüt­ze zur Leh­re, zur Zurecht­wei­sung, zur Bes­se­rung, zur Erzie­hung in der Gerech­tig­keit“ (2. Timo­theus 3,16). Wenn eine Ein­ge­bung kommt, eine inne­re Über­zeu­gung, ein Gefühl, dass etwas getan wer­den soll, dann wird es zuerst an der Hei­li­gen Schrift geprüft. Wider­spricht es einem kla­ren bibli­schen Gebot oder Prin­zip? Dann kommt es nicht vom Hei­li­gen Geist. Der Geist Got­tes wird nie­mals gegen das Wort Got­tes spre­chen. Das klingt ein­fach, aber in der Pra­xis ist es oft kom­pli­zier­ter. Vie­le Ent­schei­dun­gen, vor denen Men­schen ste­hen, sind nicht schwarz oder weiß. Die Bibel sagt nicht, wel­cher Beruf gewählt wer­den soll, wen jemand hei­ra­ten soll, in wel­che Stadt gezo­gen wer­den soll. Hier braucht es Weis­heit, und Weis­heit ist etwas, das Gott ger­ne gibt. „Wenn es aber jeman­dem unter euch an Weis­heit man­gelt, so bit­te er Gott, der jeder­mann gern gibt und nie­man­den schilt; so wird sie ihm gege­ben wer­den“ (Jako­bus 1,5).

Das bedeu­tet auch, nicht alles und nicht jedem Glau­ben zu schen­ken, der im Namen Jesu auf­tritt. Nicht jede „pro­phe­ti­sche Rede“, nicht jede geist­li­che Behaup­tung, nicht jede from­me Stim­me ist vom Hei­li­gen Geist. Es gibt vie­le, die mit gro­ßer Über­zeu­gung spre­chen, aber nicht im Ein­klang mit der Hei­li­gen Schrift ste­hen. Man­che beru­fen sich auf „Ein­drücke“ oder „Offen­ba­run­gen“, die mehr mit ihren eige­nen Wün­schen oder Äng­sten zu tun haben als mit Got­tes Wahr­heit. Dar­um ruft uns die Bibel immer wie­der zur Prü­fung auf: „Prüft die Gei­ster, ob sie von Gott sind“ (1. Johan­nes 4,1). Wah­re geist­li­che Füh­rung ist nie spek­ta­ku­lär, aber immer schrift­ge­mäß – und sie führt uns näher zu Chri­stus, nicht zu Men­schen.

Ein zwei­tes Kri­te­ri­um ist der Frie­de Got­tes . Pau­lus schreibt: „Und der Frie­de Chri­sti, zu dem ihr beru­fen seid in einem Lei­be, regie­re in euren Her­zen“ (Kolos­ser 3,15). Das grie­chi­sche Wort für „regie­re“ bedeu­tet auch „ent­schei­de“ oder „sei Schieds­rich­ter“. Der Frie­de Got­tes ist wie ein inne­rer Schieds­rich­ter, der signa­li­siert, ob der Weg der Rich­ti­ge ist oder nicht. Das bedeu­tet nicht, dass sich jede Füh­rung des Hei­li­gen Gei­stes ange­nehm anfühlt. Manch­mal ruft Gott zu schwe­ren Din­gen. Aber selbst wenn der Weg schwer ist, gibt es einen tie­fen, inne­ren Frie­den, der gele­gent­lich über­steigt. Es ist der Frie­de, der “höher ist als alle Ver­nunft” (Phil­ip­per 4,7). Der eige­ne Wil­le wird hin­ge­gen oft von Unru­he beglei­tet. Von Druck, von Hek­tik, von dem Gefühl, dass etwas sofort gesche­hen muss, ohne Raum für Geduld oder Gebet. Der Hei­li­ge Geist drängt nicht auf die­se Wei­se. Er führt, er lei­tet, er über­zeugt, aber er zwingt nicht. Jesus sagt: „Mei­ne Scha­fe hören mei­ne Stim­me, und ich ken­ne sie, und sie fol­gen mir“ (Johan­nes 10,27). Die Stim­me Chri­sti ist erkenn­bar für die, die ihm gehö­ren. Sie ist sanft, sie ist klar, sie ist bestän­dig.

Ein drit­tes Kri­te­ri­um ist die Über­ein­stim­mung mit dem Cha­rak­ter Chri­sti. Pau­lus beschreibt die Frucht des Gei­stes: „Die Frucht aber des Gei­stes ist Lie­be, Freu­de, Frie­de, Geduld, Freund­lich­keit, Güte, Treue, Sanft­mut, Keusch­heit“ (Gala­ter 5,22–23). Wenn eine Füh­rung oder ein inne­rer Impuls zu Bit­ter­keit, zu Stolz, zu Unge­duld, zu Här­te gegen­über ande­ren führt, dann ist das ein Warn­si­gnal. Der Hei­li­ge Geist führt immer in eine Rich­tung, die mit dem Wesen Chri­sti über­ein­stimmt. Er formt uns nach dem Bild Jesu, nicht nach unse­ren eige­nen Vor­stel­lun­gen. Der eige­ne Wil­le dage­gen ist oft selbst­be­zo­gen. Er fragt: Was bringt mir das? Wie füh­le ich mich dabei? Was den­ken ande­re über mich? Der Hei­li­ge Geist fragt: Was dien­te dem Reich Got­tes? Was ehrt Chri­stus? Was ist zum Wohl ande­rer? Das sind unter­schied­li­che Aus­gangs­punk­te, und sie füh­ren zu unter­schied­li­chen Ent­schei­dun­gen.

Dar­um gehört zur geist­li­chen Unter­schei­dung auch die Fra­ge, wel­chen Geist ein Mensch aus­strahlt, der behaup­tet, im Namen Jesu zu spre­chen. Wor­te kön­nen fromm klin­gen, aber der Ton, die Hal­tung, die Wir­kung ver­ra­ten oft mehr als der Inhalt. Wo Chri­stus wirkt, wächst Lie­be, Geduld, Sanft­mut und Frie­den. Wo dage­gen Här­te, Mani­pu­la­ti­on, Druck oder geist­li­cher Stolz herr­schen, ist Vor­sicht gebo­ten. Nicht jede Stim­me, die „Herr, Herr“ sagt, trägt den Duft Chri­sti. Der Hei­li­ge Geist baut auf, trö­stet, ermu­tigt und führt in die Wahr­heit – nie­mals in Angst, Über­heb­lich­keit oder geist­li­che Gewalt.

Ein vier­tes Kri­te­ri­um ist Zeit und Bewäh­rung. Gott hat es sel­ten eilig. Er arbei­tet in Pro­zes­sen, nicht in Panik. Abra­ham war­te­te Jah­re auf die Erfül­lung der Ver­hei­ßung. Mose ver­brach­te vier­zig Jah­re in der Wüste, bevor Gott ihn rief. David wur­de als jun­ger Mann zum König gesalbt, aber es dau­er­te noch vie­le Jah­re, bis er tat­säch­lich auf dem Thron saß. „Die aber auf den HERRN har­ren, krie­gen neue Kraft, dass sie auf­fah­ren mit Flü­geln wie Adler, dass sie lau­fen und nicht matt wer­den, dass sie wan­deln und nicht müde wer­den (Jesa­ja 40,31). War­ten ist Teil der Füh­rung Got­tes. Es ist nicht nur die Zeit bis zur Ant­wort, son­dern die Zeit, in der Gott uns vor­be­rei­tet, formt, prüft. Der eige­ne Wil­le drängt immer auf sofor­ti­ge Erfül­lung. Er ist unge­dul­dig und ver­langt Sicher­heit jetzt, Bestä­ti­gung jetzt, Erfolg jetzt. Aber der Hei­li­ge Geist lehrt Geduld. Er lehrt, auf Got­tes Timing zu ver­trau­en, nicht auf das eige­ne. „Denn mei­ne Gedan­ken sind nicht eure Gedan­ken, und eure Wege sind nicht mei­ne Wege, spricht der HERR“ (Jesa­ja 55,8). Got­tes Wege sind oft anders, als erwar­tet wird. Aber sie sind immer bes­ser.

Und genau des­halb ist Geduld selbst ein Prüf­stein geist­li­cher Füh­rung. Was von Gott kommt, hat Bestand. Es hält der Zeit stand, der Prü­fung, der Stil­le, dem Zwei­fel, der inne­ren Klä­rung. Der Hei­li­ge Geist drängt nicht, er treibt nicht, er über­for­dert nicht. Er wirkt in einer Wei­se, die Frie­den schafft, nicht Hek­tik. Der eige­ne Wil­le hin­ge­gen erzeugt Druck, Unru­he und das Gefühl, sofort han­deln zu müs­sen. Doch was von Gott ist, bleibt auch dann bestehen, wenn wir war­ten. Es wird kla­rer, nicht dunk­ler. Es wächst, statt zu zer­fal­len. Und oft zeigt sich gera­de im War­ten, ob etwas wirk­lich aus Got­tes Hand stammt oder nur aus unse­rem eige­nen Her­zen.

Chri­sten müs­sen Geduld ler­nen und ein­üben. Geduld ist kei­ne natür­li­che Stär­ke des mensch­li­chen Her­zens, son­dern eine Frucht des Gei­stes, die wächst, wenn wir uns dem Tem­po Got­tes anver­trau­en. Sie ent­steht nicht in Momen­ten des Erfolgs, son­dern in Zei­ten des War­tens, der Unsi­cher­heit, der schein­ba­ren Stil­le. Wer Geduld lernt, lernt zugleich, Gott zu ver­trau­en; nicht nur sei­nen Ver­hei­ßun­gen, son­dern auch sei­nem Zeit­plan. Und die­ses Ver­trau­en macht das Herz ruhig, selbst wenn die äuße­ren Umstän­de es nicht sind.

Ein fünf­tes Kri­te­ri­um ist die Bestä­ti­gung durch die Gemein­schaft der Gläu­bi­gen. Gott spricht nicht nur indi­vi­du­ell, er spricht auch durch den Leib Chri­sti. Wenn es eine wich­ti­ge Ent­schei­dung gibt, ist es wei­se, rei­fe Chri­sten zu Rate zu zie­hen, Men­schen, die Gott ken­nen, die in der Hei­li­ge Schrift gegrün­det sind, die ein Leben des Gebets füh­ren. „Wo vie­le Rat­ge­ber sind, da gelingt’s“ (Sprü­che 15,22). Das bedeu­tet nicht, dass die Mei­nung ande­rer die letz­te Auto­ri­tät sein soll. Aber wenn meh­re­re geist­li­che Men­schen unab­hän­gig von­ein­an­der zu ähn­li­chen Ein­sich­ten kom­men, ist das oft ein Zei­chen dafür, dass der Hei­li­ge Geist am Werk ist. Der eige­ne Wil­le hin­ge­gen sucht oft Bestä­ti­gung nur bei denen, die sagen, was gehört wer­den will. Er mei­det Kor­rek­tur, er mei­det kri­ti­sche Fra­gen, er iso­liert sich. Das ist gefähr­lich. „Wer sich abson­dert, der sucht, was ihn gelü­stet, und er setzt sich gegen alles, was recht ist“ (Sprü­che 18,1). Gemein­schaft ist ein Schutz vor Selbst­täu­schung.

Und dort, wo jemand nur Bestä­ti­gung suchtund zwar aus­schließ­lich Bestä­ti­gung –, ist der Geist Got­tes nicht am Werk, son­dern nur die Ich­sucht. Der Hei­li­ge Geist führt in die Wahr­heit, und Wahr­heit schließt Kor­rek­tur ein. Der eige­ne Wil­le dage­gen dul­det kei­nen Wider­spruch. Er will Zustim­mung, Applaus, Rück­halt für das, was längst beschlos­sen wur­de. Doch geist­li­che Füh­rung zeigt sich gera­de dar­in, dass wir bereit sind, uns prü­fen zu las­sen. Wo die­se Bereit­schaft fehlt, wo jede kri­ti­sche Stim­me abge­wehrt wird, wo nur Zustim­mung akzep­tiert wird, da regiert nicht der Geist Got­tes, son­dern das eige­ne Ich.

Ein sech­stes Kri­te­ri­um ist die Demut. Der Hei­li­ge Geist führt immer in die Demut hin­ein, nie aus ihr her­aus. Er zeigt die eige­ne Begrenzt­heit, die eige­ne Abhän­gig­keit von Gott, die eige­ne Bedürf­tig­keit. Pau­lus schreibt über eine beson­de­re Offen­ba­rung, die er hat­te: „Und damit ich mich wegen der hohen Offen­ba­run­gen nicht über­he­be, ist mir gege­ben ein Pfahl ins Fleisch, näm­lich des Satans Engel, der mich mit Fäu­sten schla­gen soll, damit ich mich nicht über­he­be“ (2. Korin­ther 12,7). Gott gibt Gna­de, aber er gibt sie den Demü­ti­gen. „Gott wider­steht den Hoch­mü­ti­gen, aber den Demü­ti­gen gibt er Gna­de“ (Jako­bus 4,6). Der eige­ne Wil­le macht oft stolz. Er sagt: Ich habe das rich­tig erkannt. Ich weiß, was zu tun ist. Ich brau­che kei­ne Rat­te. Das ist ein Warn­si­gnal. Wah­re Füh­rung durch den Hei­li­gen Geist macht abhän­gig von Gott, nicht unab­hän­gig. Sie macht klein, nicht groß. Sie führt zum Kreuz, nicht zur Selbst­er­hö­hung.

Und genau hier sehen wir bei man­chen Chri­sten – beson­ders in den sozia­len Netz­wer­keneine gefähr­li­che Ent­wick­lung. Dort begeg­net uns oft eine Hal­tung der Über­heb­lich­keit, der Arro­ganz und des Stol­zes. Man ver­tei­digt die eige­ne Sicht­wei­se mit einer Här­te, die dem Geist Chri­sti wider­spricht. Recht­ha­be­rei ersetzt Demut, Laut­stär­ke ersetzt Sanft­mut, und das Bedürf­nis, zu gewin­nen, ersetzt das Bedürf­nis, Chri­stus zu ehren. Doch wo der Ton hoch­mü­tig wird, wo ande­re her­ab­ge­setzt wer­den, wo man sich selbst über die Geschwi­ster erhebt, da wirkt nicht der Hei­li­ge Geist. Denn der Geist Got­tes formt Men­schen, die die­nen, nicht domi­nie­ren; die zuhö­ren, nicht nie­der­re­den; die sich beu­gen, nicht sich selbst erhö­hen.

Nun wird oft argu­men­tiert, man müs­se doch die Wahr­heit sagen – schließ­lich haben Jesus und Pau­lus das auch getan. Das stimmt. Aber sie taten es nie aus Recht­ha­be­rei, nie aus ver­letz­tem Ego, nie aus dem Bedürf­nis, jeman­den zu über­füh­ren, um selbst bes­ser dazu­ste­hen. Jesus sprach die Wahr­heit immer in voll­kom­me­ner Lie­be, und Pau­lus tat es mit Trä­nen, nicht mit Tri­umph. Wahr­heit ohne Lie­be ist nicht die Wahr­heit Chri­sti. Wer meint, im Namen der Wahr­heit hart, stolz oder ver­let­zend auf­tre­ten zu dür­fen, beruft sich nicht auf Jesus, son­dern miss­braucht sei­nen Namen. Denn der Geist Got­tes führt uns nicht nur zur Wahr­heit, son­dern auch in die Hal­tung, in der Wahr­heit gesagt wer­den soll – in Sanft­mut, Demut und Lie­be.

Wie kann nun prak­tisch vor­ge­gan­gen wer­den? Es beginnt mit Gebet. Nicht ein schnel­les, flüch­ti­ges Gebet, son­dern ein tie­fes, anhal­ten­des Suchen nach Got­tes Wil­len. Jesus selbst ver­brach­te gan­ze Näch­te im Gebet, bevor er wich­ti­ge Ent­schei­dun­gen traf. „Und es begab sich zu der Zeit, dass er auf einen Berg ging, zu beten; und er blieb über Nacht im Gebet zu Gott“ (Lukas 6,12). Wenn der Sohn Got­tes sol­che Zeit im Gebet brauch­te, wie viel mehr brau­chen wir sie?

Dann kommt das Stu­di­um der Hei­li­gen Schrift. Nicht nur ein­zel­ne Ver­se, die her­aus­ge­pickt wer­den, um eine bereits getrof­fe­ne Ent­schei­dung zu recht­fer­ti­gen. Son­dern ein ehr­li­ches, offe­nes Lesen der gesam­ten Hei­li­gen Schrift, mit der Bereit­schaft, kor­ri­giert zu wer­den, belehrt zu wer­den, geformt zu wer­den. „Dein Wort ist mein Fußes Leuch­te und ein Licht auf mei­nen Wegen“ (Psalm 119,105). Die Hei­li­ge Schrift ist der wich­tig­ste und ver­läss­lich­ste Weg, auf dem Gott zu uns spricht.

Dann kommt das War­ten. Nicht pas­si­ves Nichts­tun, son­dern akti­ves, hoff­nungs­vol­les Har­ren auf Gott. Es bedeu­tet, in der Span­nung zu leben zwi­schen dem, was erwar­tet wird, und dem, was noch nicht ein­ge­trof­fen ist. Es bedeu­tet, Gott Raum zu geben, zu spre­chen, zu wir­ken, zu füh­ren. „Sei stil­le dem HERRN und war­te auf ihn“ (Psalm 37,7).

War­ten bedeu­tet, inner­lich auf­merk­sam zu blei­ben. Es ist kein pas­si­ves Aus­har­ren, son­dern ein geist­li­ches Üben: im Gebet zu blei­ben, die Hei­li­ge Schrift zu öff­nen, das Herz zu prü­fen, die eige­nen Moti­ve zu klä­ren. Im War­ten lernt der Mensch, nicht aus eige­ner Kraft vor­an­zu­stür­men, son­dern Got­tes Wir­ken Raum zu geben. Oft spricht Gott gera­de in die­ser Zwi­schen­zeit – nicht durch spek­ta­ku­lä­re Zei­chen, son­dern durch eine wach­sen­de Klar­heit, einen inne­ren Frie­den, eine stil­le Gewiss­heit. War­ten ist der Ort, an dem unser Ver­trau­en wächst und unser eige­ner Wil­le klei­ner wird. Wer war­ten lernt, lernt, Gott zu ver­trau­en, auch wenn er noch nicht sieht, was er erhofft.

Und schließ­lich kommt der Gehor­sam. Wenn Gott klar gespro­chen hat, wenn die Füh­rung deut­lich ist, dann ist der näch­ste Schritt nicht mehr zu dis­ku­tie­ren oder zu zwei­feln, son­dern zu tun. „Seid aber Täter des Wor­tes und nicht Hörer allein; sonst betrügt ihr euch selbst“ (Jako­bus 1,22). Gehor­sam ist der Beweis dafür, dass die Füh­rung wirk­lich ver­stan­den und ange­nom­men wur­de.

Doch gera­de an die­ser Stel­le man­geln vie­le Chri­sten – und oft auch die Kir­che als Gan­zes – an Gehor­sam. Wir hören viel, wir wis­sen viel, wir reden viel über Got­tes Wil­len, aber wir tun ihn nicht. Es ist leich­ter, über Wahr­heit zu dis­ku­tie­ren, als sie zu leben. Leich­ter, über Nach­fol­ge zu spre­chen, als das Kreuz tat­säch­lich auf sich zu neh­men. Leich­ter, geist­li­che Ein­sich­ten zu sam­meln, als kon­kre­te Schrit­te zu gehen. Die­ser Man­gel an Gehor­sam ist kein Rand­pro­blem, son­dern ein geist­li­ches Kern­pro­blem. Denn wo Got­tes Wort nicht umge­setzt wird, ver­liert es sei­ne Kraft in unse­rem Leben. Der Hei­li­ge Geist führt immer in den prak­ti­schen Gehor­sam – nicht in theo­re­ti­sche Zustim­mung, son­dern in geleb­te Nach­fol­ge.

Es wird Zei­ten geben, in denen wir Feh­ler machen, in denen wir wie­der sün­di­gen, obwohl wir Gott ver­spro­chen haben, es nicht mehr zu tun. Es wird auch Zei­ten geben, in denen das, was wir für Got­tes Füh­rung hiel­ten, sich im Nach­hin­ein als unser eige­ner Wil­le ent­puppt. Das gehört zum geist­li­chen Lern­weg. Nie­mand folgt Chri­stus voll­kom­men klar, nie­mand hört immer feh­ler­los. Wir alle irren uns, wir alle deu­ten manch­mal falsch, wir alle ver­wech­seln gele­gent­lich unse­re Wün­sche mit Got­tes Stim­me. Doch das ist kein Grund zur Ver­zweif­lung, son­dern Teil des Pro­zes­ses, in dem Gott uns formt. Er ist gedul­dig. Er kor­ri­giert, er rich­tet neu aus, er führt zurück auf den Weg, den er für uns berei­tet hat. „Die Schrit­te des Men­schen wer­den vom HERRN gelenkt“ (Sprü­che 20,24). Selbst unse­re Umwe­ge sind in sei­ner Hand nicht ver­lo­ren, son­dern wer­den zu Orten der Erkennt­nis, der Rei­fung und der Gna­de.

Gott lässt uns nicht im Irr­tum ste­hen. Er gebraucht Feh­ler, um uns demü­ti­ger zu machen, abhän­gi­ger von ihm, wach­sa­mer für sei­ne Stim­me. Oft ler­nen wir gera­de durch das Schei­tern, wie sehr wir sei­ne Füh­rung brau­chen. Und manch­mal zeigt sich erst im Rück­blick, dass Gott selbst unse­re Fehl­ent­schei­dun­gen in sei­nen grö­ße­ren Plan ein­ge­webt hat. Nichts ist bei ihm ver­geb­lich, wenn wir bereit sind, uns von ihm kor­ri­gie­ren zu las­sen.

Die Unter­schei­dung zwi­schen dem eige­nen Wil­len und der Füh­rung des Hei­li­gen Gei­stes ist kei­ne exak­te Wis­sen­schaft. Sie lässt sich nicht in ein Sche­ma pres­sen und nicht durch ein ein­zi­ges Prin­zip beherr­schen. Es ist eine geist­li­che Kunst, die im Lau­fe eines Lebens wächst – durch Erfah­rung, durch Irr­tü­mer, durch Gelin­gen, durch Zei­ten der Stil­le und der Nähe zu Gott. Je mehr wir mit ihm leben, je tie­fer sein Wort in uns Wur­zeln schlägt, je ver­trau­ter uns sei­ne Stim­me wird, desto kla­rer kön­nen wir sie erken­nen. Geist­li­che Sen­si­bi­li­tät ent­steht nicht über Nacht, son­dern durch ein Leben, das sich immer wie­der neu Gott öff­net und von ihm for­men lässt

Am Ende ist alles eine Fra­ge der Bezie­hung. Scha­fe erken­nen die Stim­me ihres Hir­ten nicht, weil sie eine Aus­bil­dung durch­lau­fen haben, son­dern weil sie Zeit mit ihm ver­brin­gen. Sie fol­gen ihm nicht aus Pflicht, son­dern aus Ver­trau­en. Genau so führt der Hei­li­ge Geist auch uns. Sei­ne Stim­me wird nicht durch Tech­ni­ken oder Metho­den kla­rer, son­dern durch Nähe. Wer mit Gott lebt, wer sein Wort im Her­zen trägt, wer im Gebet ver­weilt, wer sich von ihm for­men lässt, der lernt, sei­ne Stim­me von allen ande­ren zu unter­schei­den. Geist­li­che Füh­rung ist des­halb kein intel­lek­tu­el­les Rät­sel, son­dern ein Bezie­hungs­weg. Je tie­fer wir in die­ser Bezie­hung wach­sen, desto natür­li­cher wird es, dem Hir­ten zu fol­gen; nicht aus Zwang, son­dern aus Lie­be.

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